Lesenotiz


Manchmal liest man besser und schreibt nicht. Eine Lesefrucht:

 

„Was soll das heißen? Sind jene barbarischen Sitten, die Narcisse fortwährend aufs Neue offenbart, als zivilisiert zu betrachten? Das darf nicht sein. „

 

(Garde, Was mit dem weißen Wilden geschah) 

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Verblüffung


Angesichts des schönen Wetters, hätte ich früher in den Garten gehen sollen. Das Zeitunglesen beim Frühstück war ein Fehler. Oder auch nicht. Ein sonst sehr kluger Autor, den ich immer mit Gewinn gelesen habe, hat „den Grundzug der eurasiatischen, dann euro-amerikanischen Kultur(en) entdeckt. In der „Presse“ vom 8. März schreibt er dies in einem Beitrag mit dem Titel „Der große Schritt“ (Spektrum, S.If.).
Nun ist das Auffinden eines Generalschlüssels für eine Kultur immer eine zweifelhafte Geschichte, da einer solcherart identifizierten Kultur immer ex post eines Teleologie unterstellt wird, die in diesem Fall vom griechischen phonetischen Vokalalphabet zum Bau eines Gewehrs führt. Im Galopp geht dbei so etwas verloren wie die Abfeuerung der ersten Kanone auf europäischem Boden durch Muslime und die Kunstfertigkeit von muslimischen Handwerkern im Armbrust- und Musketenbau. Es ist sicherlich nicht unbedingt notwendig darum einen Wettkampf durchzuführen. Und: Ist das Gewehr überhaupt so toll? Es gibt ja Hinweise auf den Verzicht auf Feuerwaffen in Japan, wo sie wesentlich weiter entwickelt waren als in Europa… Aber sei’s drum: War das nun der vokalische eurasiatische Einluss, der die iberischen Muslime dazu getrieben hat oder historische Kontingenz? Skurril wird es, wenn in der Geschichte der Kartographie zwischen Ptolemäus und Waldseemüller einfach viele Jahrhunderte muslimischer Kartographie verschwinden. Manchmal kann man Ahnungslosigkeit recht gut mit Lektüre bekämpfen – in diesem Falle der Arbeiten Fuat Sezgins Islamic Geography. Das mag als Anmerkung genügen. Wer denn eine adäquatere Perspektive wünscht, möge ich die Bände des Variantologie-Projektes anschauen.
Diese Perspektive ist sehr viel ertragreicher als die okzidentalistische Konstruktion des europäischen (Pardon: eurasiatischen) Vorrangs.

Wenn es doch wenigstens Religionskritik wäre…


Zu: „Blutige Praxis, nicht gedankliche Schrullen“, Stephan Grigat, Die Presse am Sonntag 24.1.2010

Es ist schön, wenn eine Überschrift ehrlich ist. Ein Herr Grigat äußert also seine gedanklichen Schrullen zur Religion. Und verwechselt Polemik mit Kritik.
Man ist geneigt zu sagen, wenn jemand sich die Auseinandersetzung mit Religion nur auf der Basis von Witzeleien vorstellen kann, erübrigt sich die weitere Lektüre. Da es mal wieder um „eine Kritik des Islam“ gehen soll, ist ein näherer Blick interessant.
Mit der Geschichte scheint der Verfasser Probleme zu haben. Er suggeriert Debatten über Religion seien mittelalterlich und verwechselt Debatten über Religion mit solcher religiöser Art. Aber es geht natürlich darum, Religion als mittelalterlich zu disqualifizieren. Und es geht eigentlich nur um den Islam codiert als Dschihadismus. Muslimische Kritik an letzterem fällt aus dem Rahmen des Weltbildes. Morde an Abtreibungsärzten und anderen in den USA, an Ministerpräsidenten in Israel, an Muslimen in Indien – uninteressant. Der fürchterliche Angriff auf den Karikaturisten Westergaard wird für die Zwecke des Herrn Grigat ausgebeutet – und die muslimische Kritik an diesem Attentatsversuch kommt natürlich auch nicht vor.
Es geht Grigat nicht um die komplexe Realität oder gar um Analyse. Es sei ihm natürlich freigestellt, koscheres Essen oder Speisen, die halal sind, Probleme mit dem Schlachten von Kühen etc. für obskur zu halten. Ob das als kritische Analyse taugt, mag füglich bezweifelt werden.
Die verzerrte Realitätswahrnehmung des Herr Grigat zeigt sich, wenn er die teilweise tragischen Auseinandersetzungen um die dänischen Karikaturen in einen mittleren Aufstand am halben Globus verdreht. Eine hundertköpfige Gruppe in Karachi geht eigentlich nicht einmal als nennenswerte Verkehrsbehinderung durch. Die Religionskritik steigert sich zu neuen Höhen in der brillanten Bezeichnung des Dalai Lama als „esoterischer Spinner“ und bei der wahrhaft kritischen Analyse kirchlicher Hierarchien als „Mob“. Besonders schlimm wiederum der „jihadistische Islam“. Da kann nur der Fetisch der Aufklärung helfen!!!
Auftritt allerlei marxoider Worthülsen wie der Religionskritik bzw. der materialistischen Kritik! Unvermeidlich werden die Fetische der kleinen Welt des Herrn Grigat herausgeholt: Wenn Max Horkheimer etwas gesagt hat, muss es wahr sein. Andere Götzen sind Kant, Feuerbach, Marx, Freud und Sartre. Gut fundamentalistisch werden Bruchstücke von ihnen zitiert. Auch Giordano Bruno wird dann noch geschändet.
Recht schön wird der kritische Gestus als reine Pose erkennbar, wenn die „Mindeststandards bürgerlicher Aufklärung“ aufgerufen werden. Gibt es eine Normvorschrift Ö123/10 Aufklärung unter der wir dann Nachlesen dürfen, was das standardisierte Denken à la Grigat beinhaltet. Und schreitet dann die Denkpolizei ein, wenn die falschen Gedanken gedacht werden? Die „Kritik“ als Meinungsdiktatur, apart.
Es kommt nun endlich ein anderer Standard zur Anwendung. Man nehme ein Foto einer extremistischen Kundgebung zum Karikaturenstreit, man nehme einen EU-Parlamentierer, der Sozialdemokrat ist, eine Aussage einer Vertreterin der österreichischen Islamischen Glaubensgemeinschaft, die man nur als Drohung interpretieren, wenn man die Zwangsvorstellung eines gewaltsamen Islam hat, und die Äußerung einer wirklich marginalen Person extremistischer Überzeugung, des einzige Bedeutung darin besteht, dass er es zum bisherigen gerichtlich anerkannten Dschihadisten in Österreich gebracht hat. Und schon haben wir das Schreckbild „des Islams“ zusammen, unterstützt durch die „etablierte Linke“. Nebenbei kann man sich dann auch noch von den Vertretern des christlichen Abendlandes abgrenzen. Schon ist es geschafft, Herr Grigat (& Co.) wird zum einzigen Vorkämpfer von „Emanzipation, Aufklärung und Humanismus“.
Zum krönenden Schlusse kommt Herr Grigat zu dem, was ihn eigentlich umtreibt: Es müssen „Unterschiede zwischen den Religionen“ getroffen werden. Im Klartext heißt das, „den Islam“ zum Feindbild der Grigatschen Religionspolemik zu machen. Bei anderen Religionen ist Kritik ja schon obsolet.
Vielleicht sollte Grigat einmal wissenschaftliche Standardliteratur von Juergensmeyer, Jones u.a. lesen, dann könnte er anfangen, grundsätzlich etwas zur Frage Gewalt und Religion zu sagen. Vielleicht wäre eine Realanalyse des politischen und sozialen Aspektes von Religion in der Gegenwart möglich. Aber darum geht es ja nicht und dürfte auch weit oberhalb des Niveaus des Verfassers liegen.
Eine durchaus intellektuell, respektable Tradition der Religionskritik wird zum fetischistischen Konstrukt, die höchst komplexe Aufklärungsbewegung wird zum bloßen Kampfbegriff einer identitären Selbstvergewisserung, die sich als kritisches Denken aufspielt. Man wäre geneigt, „Emanzipation, Aufklärung und Humanismus“ gegen solche Freunde zur Hilfe zu eilen.
Kritisches Denken fängt erst an, wenn solch okzidentalistischer Fantasien in der Geisterbahn gelandet sind und nur noch ein mildes Lächeln hervorrufen ob der Dinge, vor denen man sich manche Leute erschrecken.
Eine Abschlussfrage bleibt: Was hat „Die Presse“ gegen Herrn Grigat, dass sie solch ein Elaborat veröffentlicht?