Der gewöhnliche Kolumnismus


Vielleicht ist es auch das Elend derjenigen, die sie brauchen, und derjenigen, die sie publizieren. In einer Kolumne auf S.2 der Wiener Zeitung vom 15. Juli 2016 mit dem Titel „Der eruopäische Islam und andere Irrtümer“ finden sich einige Beispiele des gewöhnlichen Kolumnismus.

Dass ein Propagandist des Neoliberalismus (zu Strukturen dieses Glaubens sehr interessant Untote leben länger) etwas gegen (Euro-)Kommunismus hat, geschenkt. Dass er dieses historische Phänomen benutzt, um Assoziationen mit dem Euro-Islam zu produzieren, mehr als durchsichtig. Dass so jemand dann – schlampert weiterschreibend – von der Politik zur Religion springt, ohne einen Funken Begründung, welche Ähnlichkeit zwischen den Phänomenen bestehen könnte – außer „Euro“.

Es geht also gegen den „Euro-Islam“. Auf welcher Grundlage? Zuerst einmal mit einem äußerst schiefen Vergleich mit Saudi-Arabien (vielleicht ist die Faszination für Saudi-Arabien in anti-muslimischen Kreisen der größte Erfolg der saudischen Förderung eines bestimmten Islamverständnisses…). Der Kolumnist hat zwei Kronzeugen aufgetan:

1) Boualem Sansal, ein algerischer Autor, der u. a. für den Roman „2084“ bekannt wurde, der eifrig von anti-muslimischen Kreisen ausgebeutet wird, auch wenn es um etwas anderes geht. Er ist Säkularist, Atheist und wendet sich gegen Religion, allerdings differenzierter als es der Herr Kolumnist will. Er ist geprägt durch die Massaker des algerischen Bürgerkriegs der 1990er Jahre und  – leicht nachzulesen – schreibt so in erster Linie gegen Islamismus.  Ein Zitat sei erlaubt: „Die Religion erscheint mir sehr gefährlich wegen ihrer brutalen, totalitären Seite. Der Islam ist ein furchteinflößendes Gesetz geworden, das nichts als Verbote ausspricht, den Zweifel verbannt und dessen Eiferer mehr und mehr gewalttätig sind. Er muss seine Spiritualität, seine wichtigste Kraft, wiederfinden. Man muss den Islam befreien, entkolonisieren, sozialisieren.“ Nun bemühen sich weltweit viele um eben diese Befreiung, Sozialisierung, auch in Europa – was der Herr Kolumnist füglich ignoriert, stört ja nur.

2) Bassam Tibi, der zwar nicht den Begriff „Euro-Islam“ „in die Welt gesetzt hat“, ihn aber popularisiert hat; natürlich auch zu komplex für den Herrn Kolumnisten. Er sagt, er habe „kapituliert“. Dies sei ihm nicht abgesprochen. Nur sei die Frage erlaubt, ob diese Kapitualtion ähnlich begründet ist wie seine Aussagen zu syrischen Flüchtlingen, die auf ein Rekordtempo in der Gesprächsführung zurückzuführen wären, sehen wir einmal davon ab, dass durch eine Telefonumfrage in Tibis Heimatstadt Göttingen, die Flüchtlings-„Gangs“ nicht aufzufinden sind (s. Der Aristokrat von Göttingen). Nun, wenn es denn hilft als Kronzeuge u. a. des Herrn Kolumnisten zu dienen…

Also zwei „prominente muslimische Intellektuelle“, von denen einer, tja, auch als Atheist – was hast du: weiß doch eh jeder, dass all diese Araber Muslime sind (o, böse Realität, auch das ist falsch) – gilt, bestätigen, dass assoziativ gebildete Vorurteil des Herrn Kolumnisten. Hat er wirklich nicht mehr gefunden? Auf jeden Fall sind die beiden Kronzeugen eher zu bemitleiden, dass sie solch einem…

Und es kommt ihm eine „seriöse Studie“ aus Deutschland zur Hilfe, um das magere Aufgebot aufzupeppen. Dort habe „fast jeder zweit Befragte“ angegeben, die Befolgung der Gebote seiner Religion wichtiger als der der Gesetze des jeweiligen Staates sehen. Nun ließe sich natürlich sagen, dass über die Hälfte der Befragten wohl nicht der Meinung war. Aber etwas ist noch interessanter: Die Studie befragt TürkInnen, also nicht „die“ Muslime in Deutschland. Ach, wieder solche Details, alles so schwer. Und: Die Studie sagt, dass dies eine Meinung ist, die in erster Linie von der ersten Generation vertreten wird, in der zweiten und dritten liegen die Werte um 20% darunter. Dies wäre ein Hinweis auf Entwicklungen des realen europäischen Islams, nicht dem des anti-muslimischen Webs. Dass übrigens 61% der Befragten die Meinung äußern,  der Islam passe in die westliche Welt, bestätigt die Tendenz. Aber Zahlen sind halt so eine Sache (für den Herrn Kolumnisten eh ein Problem: Wiener Zeitung wird gebeten…). Man greife nicht nur willkürlich Zahlen heraus, ohne die Studie wirklich zu lesen (ah, das wäre ja „seriös“), außer man will die Bestätigung des eigenen Vorurteis generieren.

Aber was will uns der Kolumnist damit sagen. Also einen alternativen Islam zum Extremismus kann es nicht geben; der Extremismus ist eh inakzeptabel. Also bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, von der Patrick Bahners in seinem Buch über die „Panikmacher“ schrieb: „Was ist los in Deutschland? Der Frankfurter Architekt Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, hat daran erinnert, dass die deutsche Geschichte schon seit 1806 eine Geschichte der Niederlagen war. Die Sehnsucht nach einem starken Nationalbewusstsein kompensiert ein verleugnetes Gefühl der Schwäche. «Wer keine gefestigte Persönlichkeit besitzt, sucht Menschen, auf die er hinabschauen kann. Früher waren das vor allem die Juden. Heute greifen in der Causa Sarrazin ähnliche Mechanismen: Hier wir Deutsche, dort die Muslime.»
Ein Jahr nach Treitschkes Aufsatz zog sein nicht minder berühmter Fakultätskollege Theodor Mommsen ein Resümee der von Treitschke ausgelösten Debatte. «Ohne Zweifel hat Herr von Treitschke diese Woge und diesen Schaum nicht gewollt, und es fällt mir nicht ein, ihn für die einzelnen Folgen seines Auftretens verantwortlich zu machen. Aber die Frage ist doch unerlässlich: was hat er gewollt? Jene <tiefe und starke Bewegung> hatte doch wohl irgend einen Zweck? Herr von Treitschke ist ein redegewaltiger Mann; aber er selbst hat doch wohl kaum geglaubt, dass auf seine Allokution hin die Juden nun, wie er es ausdrückt, sämtlich deutsch werden würden. Und wenn nicht, was dann? Ein kleines klares Wort darüber wäre nützlicher gewesen als all die ziellosen großen. Nur so viel ist klar: Jeder Jude deutscher Nationalität hat den Artikel in dem Sinne aufgefasst und auffassen müssen, dass er sie als Mitbürger zweiter Klasse betrachtet, gleichsam als eine allenfalls besserungsfähige Strafkompanie. Das heißt den Bürgerkrieg predigen.»
Nicht wie aus einem Munde, aber immer lauter ertönt es heute: Der Islam ist das Problem. Was wollen diejenigen, die diese Parole lancieren? Ralph Giordano und Henryk M. Broder sind redegewaltige Männer. Aber sie haben wohl kaum geglaubt, dass sämtliche Muslime deutscher Nationalität nach Lektüre der Autobiographie von Ayaan Hirsi Ali vom Glauben abfallen würden. Aber wenn nicht – was dann?“

Ja, was dann? Um Problemlösung – und Probleme gibt es, und sie müssen gelöst werden – geht es sicher nicht. Also – was dann? Die Frage sollte vielleicht auch die „Wiener Zeitung“ beantworten.

 

 

 

 

Arte, Salafismus und Weisheiten der Seherinnen


Da ich mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt war, ist hier länger nichts gepostet worden. Ein jüngst auf dem Sender arte ausgestrahlter Film, an dem ich auch etwas beteiligt war, veranlasst mich dann doch wieder.
Eine Dame wirft als Reaktion darauf vir, dass „Islamwissenschaftler und -Sympathisanten wie Guido Steinberg und Rüdiger Lohlker verdrängen und umkreisen diesen Punkt wie ein gefährliches schwarzes Loch.“ Welchen Punkt? Kommt gleich. Ich frage mich nur gerade, bin ich Islamwissenschaftler oder Islamsympathisant? Oder beides? Und weißt das? Dazu gleich mehr.
Der Punkt ist: „Das Problem des Islam und sein Geburtsfehler sind die Person des Stifters und Kriegsherrn Mohammed und dessen in Koran, Hadithen und Scharia niedergelegte Lehre mit ihrem Konzept des Dschihad, das ein Gewaltpotenzial bereithält, welches in der gesamten kriegerischen Geschichte des Islam immer zum Ausbruch kam.“ Ich erspare mir, in Vourteil religionsvergleichend etwas Sinn hineinzubringen. Religionsvergleichend wird die Schreiberin selber:
„Während die Lehren und das gelebte Beispiel eines Buddha, Konfuzius oder Jesus von Nazareth mit unseren heutigen Begriffen von Menschenwürde und Menschenrechten verträglich sind, können die in Koran, Hadithen und Scharia niedergelegte Doktrin, vor allem aber das persönliche Beispiel des Stifters und Propheten Mohammed – der einen ganzen jüdischen Stamm ausgerottet hat! – uns Menschen in der aufklärerischen Tradition nicht überzeugen.“
OK. Die Guten sind benannt, der Böse auch. Dass wir uns gerade in der Zeit des Gedenkens u.a. der Befreiung des KZ Mauthausen, scheint die Schreiberin nicht mit dem Gedanken anzukränkeln, dass mit dem Fetisch Aufklärung etwas nicht funktioniert. Schlimm genug. Der Arzt empfiehlt immer noch die Dialektik der Aufklärung. Bei chronischen Fällen hilft es allerdings auch nicht.
Dazu kommt noch: Wenn der Islam einen Geburtsfehler hat, was sollen Muslime und Musliminnen machen? Entweder wenden sie sich von dieser mit dem Geburtsfehler behafteten Religion ab (einige Alternativen werden freundlicherweise genannt) oder für diejenigen, die sich einfach nicht von dieser Religion abwenden wollen, bleibt logisch nur Verfolgung, Vertreibung etc., denn sie wollen ja nicht von der Gewalt lassen, sind potentiell also gewalttätig…
Und dann wundern sich die Schreiberin u.a. vermutlich, warum Muslime und Musliminnen so hin und wieder nicht ganz akzeptiert fühlen.
Abgesehen dass ich Guido Steinberg zur Aufnahme in den illustren Feindbildkatalog solcher Leute gratuliere (vielleicht habe ich es vorher nur nicht mitbekommen), ist es nicht vermessen, hinter der Schreiberin Breivik grinsen zu sehen, der ja vorgeführt hat, was sich für Folgerungen aus solchen Gedanken ziehen lassen (gut christlich-abendländisch, kreuzritterlich). Aber das hat die Schreiberin natürlich nicht gemeint… Wie die vielen anderen, die sich bei dem Herrn finden lassen.
Sei’s drum: Eine letzte Frage: Warum schickt ein Fernsehsender solches Geschreibsel eigentlich zu?

Qualifikationsprofil eines Islamkritikers


In der „Presse“ vom 4. Oktober 2014 kann man nachlesen, was es braucht, um erfolgreich ein sog. Islamkritiker zu werden. Man ist Mitglied der Muslimbruderschaft gewesen, muss die Deutschen für schreckliche Rassisten gehalten haben und durch den Anblick von Schweinefleisch wütend geworden sein. Und das war’s. Beneidenswert.
Man könnte natürlich sagen, dass die von dem hier angesprochenen Herrn ausgesprochenen Meinungen eher zeigen, dass die Muslimbrüder ein ziemlich Bildungsproblem in islamischen Dingen gehabt haben muss als der betreffende Herr Mitglied war. Dass er aus den erworbenen ‚Kenntnissen‘ ein bloßes Negativ zieht und damit als Kronzeuge aus dem Inneren der Bestie durch die Lande reist, fällt ein Urteil über diejenigen, die ihm andächtig lauschen. Allein das Konstrukt „Islam als Faschismus“ ist ein so lächerlicher Kategorienfehler, dass er nicht mehr beschreibbar ist. Dass den Lauschenden auch noch verkauft wird, der neue ‚Islamische Staat‘ verkörpere die Wahrheit des Islams während die „friedliebenden Muslime“ „für die westlichen Gesellschaften…eine Chance“ seien. Also der Islam an sich ist terroristisch, was sind Muslime – auch die friedliebenden? Oder müssen sie nicht mehr Muslime sein, um nicht mehr gefährlich zu sein. Denn „der Islam hat nichts dagegen“ Köpfe abzuschlagen. Also Muslim (und Musliminnen nehme ich an, auch) sind erst gut, wenn sie keine Muslime mehr sind, so der Herr Islamkritiker. Abgesehen davon, dass es einige Bücher gibt, die ihm nahebringen würden, dass IS kaum dem älteren Kriegsrecht entsprechend handelt… Aber der Kronzeuge weiß ja eh alles. Also abgesehen davon, was bleibt. Entweder alle Muslime und Musliminnen als erwiesene TerroristInnen zu deportieren oder zwangsweise zum Atheismus umzuerziehen oder kann man den besagten Herrn wegen Verbrechen gegen die Logik verfolgen.
Ihn mit dem Tod zu bedrohen, ist auf jeden Fall verwerflich.

Es holt mich doch immer ein…


Manchmal kommen Gedanken aus einer unerwarteten Ecke. Ein Magazin, das verspricht „Das Beste am Wochenende“ zu liefern. Eben dieses Magazin hatte jetzt einen Artikel mit der schönen Überschrift „Nichts im Kopf?“. In einem dort zitierten Interview sagt ein interviewter Autor:

„Man lässt über alles ein Stichwort fallen, man imponiert durch Schlagworte, und man hat Angst davor, ein Problem zu durchdringen. Schnelle Antworten übertünchen oft das eigentliche Problem“.

Nun wird durch politische Eilmaßnahmen und Generierung von Stichworten im Zusammenhang mit dem Phänomen „Islamischer Staat“ sehr viel übertüncht und die Angst beruhigt, zu den eigentlichen Problemen durchzudringen. Als probates Mittelchen gegen solche Ängste können aber auch Vorurteile dienen. Und deren werden etliche über den Laufsteg geführt.
Thomas Kramar, seines Zeichens bei der Tageszeitung „Die Presse“ tätig, führt das erste Vorurteil vor (15.9.2014): 1) Der Westen habe natürlich keine „Mitschuld an den IS-Gräueln bei sich zu suchen“. Details wie die völlig desaströse Irak-Politik (und falls es der Herr Kramar nicht weiß, der Vorläufer des IS ist als Folge dieser Politik entstanden), gefolgt von der desaströsen Syrien-Politik der USA und der EU (natürlich waren andere Mächte auch beteiligt; aber es geht hierum Herrn Kramar), die wohlwollende Patronage ‚des Westens‘ für Diktatoren und Alleinherrscher, Eliten aller Arten im Südwesten Asiens und in Nordafrika, wie das kleine Detail, dass ‚der Westen‘ anno Peschawar arabische Freiwillige durchaus unterstützt hat (dumm nur, dass daraus auch al-Qa’ida entstand, bei der auch ein Abu Mus’ab az-Zarqawi köpfen lernte, Chef der Vorläuferorganisation des IS; es kann einem schon etwas entgehen im Redaktionsalltag…), davon schweigen wollen wir auch nicht, dass die Konstruktion von Staaten nach dem 1. Weltkrieg, um die europäischen Einflusssphären zu sichern, auch nicht ganz unschuldig ist an der Misere.
Aber es ginge dann ja um das Durchdringen zu den Problemen. Wollen wir nicht. Herr Kramar scheint – wie viele – zu verwechseln, dass die Suche nach Ursachen nicht bedeutet, jemanden zu entschuldigen. Also kommen wir zu: 2) Es werden einmal wieder Distanzierungen von Muslimen bzw. Moslems (Musliminnen haben es wirklich leichter, scheint mir) eingefordert – diesmal eben von IS. Es ist wirklich merkwürdig, Leute, die durchaus in der Lage sein sollten, eine Suchmaschine zu bedienen, sind wirklich nicht in der Lage, vor dem Verfassen eines Kommentars solches zu tun. Stichworte fallen zu lassen, ist halt einfacher. Ein kleiner Tipp für den arg beschäftigten Herrn: Es gibt in Österreich eben solche Erklärungen und viele andere – ich bin heute generös und würde ihm diese übermitteln. Kommen wir zu 3) und damit zu den Schlagworten. Wir sind ja liberal, so lassen wir eine andere Person sprechen:

„Eine objektive Lektüre des Koran hinterlasse „den Eindruck, dass der Frieden des Islam ein Frieden der Unterwerfung ist“, schrieb der niederländische Schriftsteller Leon de Winter unlängst, der Islam wolle „die Welt entsprechend den Werten eines Warlords aus dem siebten Jahrhundert neu ordnen“. Eine extreme Aussage. Aber sie muss möglich sein, darf nicht als Verhetzung abqualifiziert werden.“

Abgesehen davon, dass ein Schriftsteller zitierenswert ist der allen Ernstes eine ‚objektive Lektüre‘ – in diesem Falles des Korans – schreibt, wohl kaum um das Handelsgewicht von Worten weiß. Wenn er darum weiß, ist seine Aussage nicht extrem, sie ist perfide. Er behauptet objektiv zu sein, um dann einen Warlord einzuführen, ein durch und durch moderner Begriff, der, wenn er bewusst gewählt wurde, durchaus hetzerisch wirkt. Aber der zitierende Journalist hat es ja nicht selber gesagt… Und zur Wiederholung, ein winzig kleines Stückchen der Auslegungstradition und der modernen Koranauslegung widerlegt die Forderung des Herrn Journalisten sofort. Aber dann müsste man ja etwas wissen, mit Worten zuschlagen ist besser…
Dass 4) der Herr Journalist den Unterschied zwischen dem Status des Korans im Islam und der Bibel im Christentum nicht kennt, verwundert nicht mehr. Und dass auch hier ein Schlagwort herausgewühlt wird, um nicht nachzudenken, desgleichen: diesmal ist es die „historisch-kritische Methode“. Ach, ich mag nicht mehr…
Leider mögen andere noch. Herr Christian Ortner, der ein Blog betreibt mit dem Titel „Das Zentralorgan des Neoliberalismus“ (Aufgepasst! Wir sind lustig!), fühlt sich auch getroffen und für schuldig befunden. Das hat leider einen Kommentar erzeugt (18.9.2014).
Er schmeißt einige Zitate zur Frage nach den Ursachen des europäischen Dschihadismusphänomens munter zusammen und verkehrt die Suche nach Erklärungen in eine Suche nach Schuld, die simple Frage nach den Gründen, aus denen aus unseren Gesellschaften, auch aus der des Herrn Ortner, Menschen hervorgehen, die Gräueltaten wie die des IS (und auch andere) gut finden und begehen, wird von ihm in die Frage nach Schuldzuweisung verdreht. Dann streuen wir noch allerlei flapsige Bemerkungen drüber, beschwören den Islam als „Kriegsreligion“ herauf – Elias Canetti hat im lesenswerten „Masse und Macht“ halt auch zweifelhafte Dinge geschrieben – und ab geht die Post. Wo geht sie hin? Zu Leon de Winter: Der wird mit damit zitiert, es sei der „Islamismus der Faschismus des 21. Jahrhundert“. Und diesem ‚Faschismus‘ werde man nicht mit friedlichen Mitteln (ich paraphrasiere etwas) in den Griff bekommen.
Denn der Islam lässt die „destruktiven Neigung des Menschen“ zu beherrschen, so Herr Ortner, der wieder einmal Islamismus und Islam in einen Topf schmeißt. Also, wenn der Islam so kriegerisch ist etc. und Muslime (und Musliminnen) daran glauben,was soll man dann mit ihnen machen?! Darüber schweigt Herr Ortner.
Worum es auch geht, sagt uns das zenrale Organ des Neoliberalismus, wenn er schreibt, dass die Mordbrenner des IS darum töten, „weil sie es können, weil sie es wollen und weil es ihnen Lust bereitet“. Das dschihadistische Individuum entscheidet sich so zu handeln, weil es so will, die neoliberale Monade, also sind alle anderen entschulden. Nur bei MuslimInnen wird die Individualität dann doch wieder aufgehoben – durch den Islam. Ach, die Logik des zentralen Organs deutet eher auf eine Organstörung namens Vorurteil, Symptom: vehemente Schalgwortitis.
Das Binnen-I bringt mich zum dritten dieser illustren Reihung.
Konrad Paul Liessmann, vielfältig schreibender Philosoph, fühlte sich auch berufen über Schuld zu schreiben (20.9.2014). Natürlich auf höherem Niveau als manche zentralen Organe. Auch ihm geht es darum zu räsonnieren, warum der Mensch Verantwortung für seine (und ihre) Taten zu übernehmen habe. Auch er macht sich weidlich lustig über den Versuch, Erklärungen für das Phänomen IS und dessen AnhängerInnen in Europa zu finden, für dessen Ursachen. Auch für ihn geht es darum, den einzelnen Individuen an seine Schuld zu erinnern. Wir erleben auch hier – auf anderem Niveau als zuvor – die Konstruktion einer Monade, die unabhängig sozialer Kontexte agiert.
Also lassen wir, so die Summe aus den unerquicklichen Lektüren, das Suchen nach Ursachen, die das Problem hervorgebracht haben. Wir kümmern uns nicht darum, dass die Gefahr eingedämmt wird. Wir haben die Schuldigen, sie gehören bestraft. Damit sind wird aus der Verantwortung entlassen. Oh, ist das Geschreibe vielleicht nur eine Projektion, der eigenen Schuld (oder des Schuldgefühls)…
Nebenbei bin ich durchaus der Meinung, dass die Taten der Mitglieder des IS bestraft werden müssen. Nur bin ich auch der Meinung, dass die Ursachen beseitigt werden müssen. So einfach sollten wir es uns nicht machen.

Samstags…


Der Samstag ist so ein Tag, an dem sich einige Zeitungen zur Lektüre ausgehen. Leider auch „Die Presse“. Sie hat wieder eine ihrer Im-Islam-Auskenner von der Leine gelassen, mit einem Buchtitel könnten wir auch sagen: „Panikmacher“. Das Ergebnis entspricht dem Wetter: Es ist rübe.
Es geht um den Artikel „Homo, Jud und Christ“ in der „Presse“ vom 3. Mai 2014. Der Verfasser , offiziell Sozialwissenschaftler, hat eine Studie in die Finger bekommen – mit arger Verspätung. Nun sollte man erwarten, dass er sich auch methodisch mit diesen Studien auseinandersetzt… Aber dann müsste er sich ja mit der Kritik an dieser Studie (und einer anderen zitierten) beschäftigen. Und das stört das kommode Vorurteil.
Da es hier eher um Vorurteile als um – in welcher Weise auch immer – abgewogene Urteil, kann man sich die Analyse der Wiedergabe der Studienergebnisse sparen. Was wichtiger ist, ist die selbstgestrickte Theologie. Wir können es uns denken, worum es geht: Um den „Djihhad“; stammt nicht von mir, ein weiser Setzer hat das hier durchgenudelte Fantasieprodukt wohl vom real existierenden Konzept des Djihad unterscheiden wollen. Leider war der sEtzer nicht konsequent, sonst hätten wir einen hübschen neuen Begriff.
Es sind die üblichen Fantasien an dieses Wort geknüpft, “ die „friedliche“ – der Autor will auch denjenigen, die vergeblich versuchen, ihm das reale Konzept deS Djihad zu erklären, das Wasser abgraben – oder „gewaltsamen“ Eroberung der Welt. Einige Verwaschenheiten prägen den Text – Ist das Niveau einer Qualitätszeitung? -, der versucht Verbindungen zu schaffen, die der eigenen Fantasieproduktion einen Sinn geben. So werden die „europäischen Totalitarismen“ herangezogen, die „fundamentalistisch“ werden, um dann eine „Symbiose von Totalitarismus und Islam“ zu schaffen. Frohes Schaffen! So lässt sich – höchst unelegant – eine Verquickung einer Religion mit politischen Bewegungen (die der Autor mit einer vorherigen Obsession als politische Religionen versteht) schaffen. Kurzum: Der ‚Islamofaschismus‘ geht um, der auch gescheiterten Immobilienkäufern oder Ex-US-Präsidenten so lieb ist.
Eines würde ich gerne einmal erklärt bekommen: Wenn ein Zug der europäischen Moderne die in Krisen entstehenden „Totalitarismen“ sind, warum ist die ‚Modernisierung des Islam‘ so dringend notwendig?
Der Sozialwissenschaftler kehrt nebenbei den islamischen Gelehrten heraus. Wir erfahren, dass die „Dämonisierung anderer Religionen […] ein integraler Bestandteil des Islam, die sich im Koran und in der gesamten religiösen Tradition findet“, ist. Der Verfasser beherrscht also ‚die gesamte religiöse Tradition‘ des Islams! Vor soviel Genialität kann man nur das Knie beugen.
Widerlegt wird, so der Autor der „Presse“, die Mär vom friedlichen Islam etc. Sehen wir einmal davon ab, dass etwas als „Mär“ zu bezeichnen, schon heißt, es als falsch zu erkennen – und damit bedarf es keiner Entlarvung mehr. Ach, die deutsche Sprache ist ein Hund… Ach ja, die „Islamisierung der europischen Gesellschaften“ wird auch noch aus der Mottenkiste des Vorurteils hervor gekramt.
Jedenfalls dekretiert der Islamgelehrte der „Presse“: „Der Djihad ist für jeden orthodoxen Muslim verbindlich und damit ein integraler Bestandteil des Islam.“ Abgesehen davon, dass der Autor eine Definition von Orthodoxie schuldig bleibt, bleibt er den Lesenden auch die Logik schuldig. Was auch immer ein „orthoxer Muslim“ sein mag – wohl die Inkarnation des Bösen -, wenn der Djihad (manchmal auch Dschihad, Dschihhad wäre wirklich besser), womit der gewaltsame Kampf gemeint ist (oder der friedliche (s.o.), aber beide wollen ja eh das Gleiche, nur einmal eben friedlich), „integraler Bestandteil des Islam“ ist, haben auch nicht so ‚orthodoxe‘ Muslime (und Musliminnen? – oder gilt hier keine Gleichberechtigung? – oder der Autor gehört auch zu denen, die keine präzise Sprache wollen) keine Möglichkeit, diesem Djihad zu entgehen. Sie müssen ihn einfach führen, denn sonst geben sie ja einen „integralen Bestandteil“ ihrer Religion auf!
Worauf läuft die Übung im Vorurteil hinaus? Es wird wieder einmal Hans Magnus Enzensbergers Essay „Aussichten auf den Bürgerkrieg“ aufpoliert. Wenn wir in diesem Verweis einen Hinweis auf eine Projektion der eigenen Absichten sehen, dürften wir nicht ganz falsch liegen. Oder ist es nur eine Werbung für das eigene Buch, das dieser Projektion weiter Futter gibt? Ein Werbetext?
Wenn der so vom Islamgelehrten der Presse konstruierte „integrale Bestandteil des Islam“ vorhanden wäre, der dann für alle Muslime (Musliminnen dürfen sich mit gemeint fühlen) obligatorisch wäre, bliebe eigentlich nur was zu tun? Und „Die Presse“ soll nicht sagen, sie wisse nicht, was sie tut.
Und weil die Realität wieder ums Eck schaut: Warum liest man denn in „Qualitätszeitungen“ nicht jeden Tag, dass Muslime (Musliminnen dürfen sich mit gemeint fühlen) mindestens einen Nichtmuslim (Nichtmusliminnen dürfen sich mit gemeint fühlen) ermorden? Das wäre dann eigentlich zu erklären, wenn denn die Prämisse des Autors richtig konstruiert wäre! Mangelnder Glaubenseifer?
Ach ja: Das so etwas via Medienförderung von meinen Steuergeld mit bezahlt wird, empfinde ich schon als ziemliche Unverfrorenheit.
Ach ja 2: Warum ist der einzige aktuelle Proto-Bürgerkrieg in Europa (die Ukraine ist gemeint) einer, in dem immer wieder Kreuze zu sehen sind?
Ach ja 3: Vielleicht hat der Islamgelehrte der „Presse“ sein profundes Wissen aus den Schriften des von ihm zitierten ‚Islamexperten‘ (noch so ein Schimpfwort) Thomas Tartsch, Verfasser solch qualifizierter Werke wie „Muhammads Erbe: Dschihad, Dhimmi, Tötungs- und Bekämpfungsvers“ oder „Der Mensch ist ein Raubtier“. Ah, ersteres Werkl ist erschienen im Selbstverlag dieses Autors mit Namen „Gehenna“-Verlag. Die von ihm inspirierte Textproduktion des „Presse“-Gelehrten ist eine Strafe für meine Übeltaten. Habe ich wirklich so schlimme Dinge getan? Ich gehe in mich.

Crash der Logik


Der Kommunikationschef der Erzdiözese Wien und ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Wiener Tageszeitung „Die Presse“ hat wieder einmal seine Kolumne mit dem Titel „Culture Clash“ produziert (Die Presse 25.09.2011, S.47). „Es muß ja Ärgernis kommen“ (Ich weiß, es ist nicht die katholische Version, aber es musste einfach sein).
Er stellt fest: „Man soll natürlich nicht kleinreden, dass es tatsächlich für Vorstellungen wie die Gleichwertigkeit der Frau oder die Religionsfreiheit eng werden könnte, wenn es von heute auf morgen eine muslimische Mehrheit im Lande gäbe.“ Dann folgt – immerhin – der Hinweis, dass Projektion des demographischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bis 2051 von nicht mehr als 14-18 Prozent MuslimInnen in Österreich ausgehen.
Warum der erste Satz? Sehen wir vom Konjunktiv ab, sehen wir auch von der hübschen Formulierung „Gleichwertigkeit der Frau“ ab, nicht Gleichberechtigung… Der antimuslimische Diskurs ist einfach zu stark. Es musste einfach der Gedanke heraus, dass eine muslimische Mehrheit zwangsläufig den Status von Frauen bedroht und auch die Religionsfreiheit. Es kann gar nicht anders sein. Das weiß man einfach tief im Inneren. Ohne irgendetwas zu wissen… Solche Sätze sind doch eine Festmahl für Diskursanalytiker!
Zugleich weiß man, dass es nicht stimmt. Zumindest soweit wir seriöse demographische Projektionen haben, die dem werten Schreiber präsent sind. Es gibt keinen Anhaltspunkt für das erste Szenario. Trotzdem müssen wir das Schreckbild beschören, dürfen es nicht „kleinreden“. Die Frage schleicht sich an: Ist es wirklich nur der Diskurs der spricht? Oder ist es eine Kommunikationsstrategie des Kommunikationschefs, um eine eigene Klientel zu bedienen, die solche Schreckensszenarien sich genüsslich ausmalt? Oder ist einfach die Logik vor dem Erreichen der Kolumne in einen Unfall mit Totalschaden verwickelt worden?
Fragen? Fragen? Und keine Antworten. Oder doch?

Ach ja…


Die Morde in Norwegen haben ja zu einigen verzweifelten Versuchen der Selbstentschuldung seitens derer geführt, die das gesellschaftliche Klima mitproduziert haben, in denen so etwas gedeiht. Eine weitere Selbstentblößung ist zu vermelden. Herr Grigat hat einen Kommentar in der Tageszeitung „Die Presse“ abgesetzt.
Wir erfahren, dass jegliche Kritik ihres von jeglicher Kenntnis ungetrübten antimuslimischen Furors ihm und seinesgleichen fürchterlich Unrecht tut. Er klagt Sympathien des norwegischen Attentäters für ein bestimmtes Islambild an: das des mysogynen, autoritären, kollektivistischen Islam. Nur findet aich – oh Wunder – kein Partikelchen eines anderen Islambilds in Herrn Grigats Kommentar. Vielleicht weil sein Islambild so ähnlich ist. Dann addiert er noch Antisemitismus, rechtsradikale Einbettung und das simple Weltbild des ‚kritischen Theoretikers‘ ist wieder in Ordnung. Er hat halt immer recht gehabt und darf weiterhin an seine Heiligen Adorno und Horkheimer glauben.

Hausgemachter Terrorismus


Eigentlich sollten die Ereignisse doch einige Leute dazu bringen, beschämt zu schweigen. Michael Fleischhacker, seines Zeichens Chefredakteur der Wiener Tageszeitung „Die Presse“ hat u.a. am 15.09.2007 (andere Beispiele ließen sich mehr als genug finden) nicht umhin können zu kommentieren. Unter dem Titel „Das Problem ist der Islam“ findet er u.a. „Menschen, die einfach nicht in der Lage sind, auf Distanz zu Terroristen zu gehen, die dieses Buch für ihre Zwecke missbrauchen“. Die wunderbar pauschale Verurteilung aller MuslimInnen weltweit erhebt ihr Haupt, hervorgekitzelt von jemanden, der sich wirklich auskennt. Der Schluss des Kommentars ist denn bezeichnend mit seiner Betonung des ‚Kampfes der Kulturen‘: „Der findet nämlich längst statt, weltweit, zwischen Gesellschaften, die Religion und Politik trennen, und solchen, die das nicht tun. Wer das nicht sieht, hat schon verloren.“
Und jetzt, nach Oslo und Utoya, als jemand das ‚gesehen hat‘, was viele der ehrbaren ‚Islamkritiker‘ sehen, und danach gehandelt hat, kommentiert Herr Fleischhacker wieder (Die Presse 25.07.2011): „Man muss einfach zur Tagesordnung übergehen“. Er proklamiert man müsse nicht „die Quellen für die wirren Fantasien eines Psychopathen“ suchen. Man könnte vielleicht ja zu viele der ehrbaren Menschen finden, „die in der wirlichen Welt ein ehrbares Leben führen“. Vielleicht auch Journalisten? Es wundert nicht, dass diejenigen, die das Klima bereiten, in dem Attentäter nun ja keine Brandstifter gewesen sein wollen: „Menschen, die mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die Zuwanderung und kulturelle Entgrenzung mit sich bringen, nicht zurecht kommen, als Terror-Brandstifter zu denunzieren, wird das Problem nicht lösen. Man kann nur zur Tagesordnung übergehen.“
Man braucht wohl keine tiefschürfende Analyse, um hier jemanden zu sehen, der kräftig an der eigenen Selbstentschuldung arbeitet. Stellen wir uns einmal vor, es wäre der Attentäter ein sich islamisch legitimierender Terrorist gewesen: Was wäre dann die Reaktion des Herrn Fleischhacker und seine Worte zu ‚dem Islam‘ allgemein? Verständnis? Gehen wir zur Tagesordung über?
Es kann jetzt niemand mehr behaupten, er/sie habe nicht gewusst, wohin die innergesellschaftliche Feinderkärung führen kann: zu dieser Art homegrown terrorist aus der Mitte einer europäischen Gesellschaft.
Oder mit den Worten aus einem Interview aus dem Konkurrenzblatt der „Presse“:
Es geht gegen Muslime und Migranten. Das schafft ein Milieu, und in diesem Milieu gibt es labile Täter, die dann zuschlagen. Man wird erkennen müssen, dass das Klima des Zusammenlebens versaut werden kann und dass damit Gefahren heraufbeschwört werden können. Wenn alle Fakten bekannt sind, wird man erschrocken darüber sein, was Sprüche über andere – falsch beschreibende, verurteilende, herabsetzende – auslösen können. Sie können zu einer kompakten Weltanschauung werden.“ (derstandard.at 24.07.2011)
Manchmal hoffe ich immer noch, dass gewisse Leute wenigstens im stillen Kämmerlein schamrot werden.
Und noch ein kluger Artikel dazu:
Das Massaker als ideologisches Fanal

Zeitungsüberschriften und Wirklichkeit


Normal scheint es zu sein, dass bestimmte Presseorgane reißerische Überschriften pflegen, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erwecken. Deswegen ist es nicht akzaptabel.
Von einer Tageszeitung, die sich selbst als Qualitätszeitung deklariert, und zumal in einer Beilage, die “Rechtspanorama” betitelt ist, erwartet man eigentlich eine andere Vorgehensweise. “Die Presse” vom 21.03.2011 (zitiert nach der Onlineausgabe) tritt den Gegenbeweis an.
Sie schreit uns entgegen: “Scharia darf in Österreich angewandt werden”. Die Panik, die die “Panikmacher” erzeugen wollen, greift um sich. Jetzt ist die Unterwanderung geschehen! Karl Martell, der sich im Titel eines einschlägigen österreichischen Blogs findet, hat sicherlich schon sein Schwert gezückt…
Worum geht es eigentlich? Es gibt im Recht ein Teilgebiet, das sich IPR, ausgeschrieben Internationales Privatrecht. Wer einmal Recht studiert hat, mag über so etwas wie Rabels Zeitschrift für ausländisches und internationales Privatrecht gestolpert sein, wo sich allerlei zu diesem Thema finden lässt. Und genau dieses Gebiet ist berührt. Es geht, kurz formuliert, um den Teil des nationalen Rechts, der über das materielle Privatrecht entscheidet, das inländische Behörden und Gerichten nach bestimmten Regeln anzuwenden haben, wenn es um Angelegenheiten mit Auslandsbezug geht. Es ist schlicht der rechtliche Normalfall, wenn Gerichte ausländisches Recht anwenden. Anders würde das internationale Rechtsleben – auch im Familienrecht – nicht funktionieren. Auch österreichische Ehepaare im Ausland werden bei Streitigkeiten nicht anders behandelt (Ausnahme s.u.).
Also: Ein österreichisches Gericht hat in einem ganz normalen Fall ganz normal entschieden. Nur – und jetzt kriecht die Panik aus allen Löchern – es geht um den Fall eines saudischen Ehepaares, das in Saudi-Arabien geheiratet hat und dann in Österreich ein anscheinend ziemlich unglückliches Eheleben geführt hat, was schließlich zur Scheidung führte. Ob der Frau Unterhalt zustehe, war die Streitfrage. Der Oberste Gerichtshof entschied schließlich, der Frau stehe kein Unterhalt zu, der ihr auch nicht nach saudi-arabischem Recht zugestanden hätte. Die Vorinstanzen hatten entschieden, dass diese Regel des saudischen Rechts nicht dem österreichischem ordre public entspreche und deswegen der Frau Unterhalt zugesprochen. Es war dem zuerst zuständigen Bezirksgericht (laut Zeitungsartikel) nicht möglich gewesen, das saudisch-arabische Recht zu ermitteln, aber da es sich um islamisches Recht handelt, kann es nur dem österreichischen ordre public widersprechen, um es etwas zugespitzt zu formulieren. Wenn es denn stimmt, ist eine solche Begründung recht herzerfrischend offen: Wir wissen zwar nichts…
Der Oberste Gerichtshof entscheidet anders, denn das österreichische Recht sehe bei Scheidung aus beiderseitigem Verschulden Unterhalt nur in Ausnahmefällen vor. Wenn nun saudi-arabisches Recht keinen über drei Monaten hinausreichenden Unterhalt vorsieht, widerspreche es nicht dem österreichischen Recht – denn dort schaut es eben in vergleichbaren nicht besser aus. Vielleicht also ein Fall für eine Reform des Unterhaltsrechts, Verzicht auf das Schuldprinzip oder ähnliche Dinge, könnte man denken. Warum also die Aufregung?
Kehren wir zum Artikel im “Rechtspanorama” der “Presse” zurück! Der Verfasser des Artikels schreibt: “Ist das saudiarabische Eherecht in Österreich anwendbar? Mit dieser Frage musste sich nun erstmals der Oberste Gerichtshof beschäftigen. Und tatsächlich kamen die Höchstrichter zu dem Schluss, dass zumindest Teile der in Saudiarabien geltenden Scharia auch hierzulande anzuwenden sind.”  Da haben wir also die Quelle der Überschrift! In Saudi-Arabien wird auf schariatische Regeln und Gelehrtenmeinungen in diversen Rechtsgebieten zurück gegriffen, eben auch im Familien- und Unterhaltsrecht. Eine Tatsache. Aber, wenn wir daraus eine Überschrift machen, die nur Scharia enthält und damit das Panikbild von Handabhacken, Zwangsverschleierung u.a.m. beschwört, dann haben wir einen Artikel, der Aufmerksamkeit erregt… Zeugt das von guter journalistischer Qualität?
Nun gibt es Details im saudi-arabischen Rechtssystem, die zu berücksichtigen wären (und von den Gerichten den Anschein nach ebenfalls nicht berücksichtigt wurden): dass z.B. eine bestimmte Ausprägung einer der sunnitischen Gelehrtendiskussion über schariatische Fragen in Saudi-Arabien vorherrschend ist: die hanbalitische. Nicht die gesamte komplexe schariatische Diskussion mit ihrer langen Geschichte wird herangezogen. Nicht einmal die politisch instrumentalisierte udn degenerierte Form der Scharia insgesamt ist also das Thema. Es geht um einen Ausschnitt aus schariatischen Regeln, der österreichischem Recht nicht widerspricht, in einem genau definierten Rechtsbereich, der bestimmte Ausnahmefälle mit Auslandsbezug betrifft.
Am 24.3. kann derselbe Journalist Vollzug melden. Er hat einen Skandal angerührt. Bebildert wird der zweite Artikel mit einem Niqab-Bild (Hast du ein Burqa-Bild für meinen Artikel??), wen wundert es noch. Der Sprecher der Justizministerin wittert am Obersten Gerichtshof “Rechtsauffassungen, die diametral dem westlichen Wertegerüst widersprechen”. Meint der Sprecher österreichisches Unterhaltsrecht? Da schau her! Der Frauenministerin ist zuwider, dass Richter einen Interpretationsspielraum haben, von den Regeln des IPR weiß sie anscheinend nichts. Und den Zweck gerichtlicher Instanzen sollte ihr vielleicht erläutert werden. Dass manche Parteien versuchen daraus politisches Kleingeld zu prägen, verwundert nicht.
Das Justizministerium räumt allerdings ein, dass die Richter sich im Rahmen der Gesetze korrekt verhalten hätten. Die müssten sich ja ändern lassen, also werde eine Gesetzesänderung überlegt. Denn so der Sprecher noch einmal. Die Rechtsprechung “hat nach den Werten der christlichen, zivilisierten, westlichen Welt zu erfolgen und jedenfalls nicht nach der Scharia.” Richterliche Unabhängigkeit kein “westlicher” Wert? Bindung an das Gesetz? Ändern wir es eben! Teilnahme am internationalen Rechtsverkehr? Darauf können wir doch verzichten!
Unser Journalist hat es also geschafft: Aus einem unbedeutenden Rechtsfall hat er einen “Wertekonflikt” gemacht. Aus einer Mikrobe einen Elefanten. Das eigentliche Rechtsproblem, die “eigenen” unterhaltsrechtlichen Regeln, fallen unter den Tisch und die Panik wird weiter geschürt. Gratulation! So wird dem Fortschritt auf die Beine geholfen!