Denken, Wissen… ????


Anlässlich einer öffentlichen Diskussion, in der mir im Brustton der Überzeugung entgegengehalten wurde „Islam heißt Unterwerfung“. Von jemanden, dessen Arabischkenntnisse ich zu bezweifeln wage. Und das jemanden der Islam(!)wissenschaftler ist… Nun mag es inzwischen Ausweis intellektueller Überlegenheit sein, Aussagen von Beratern eines gewissen Herrn Trump zu wiederholen (Herr Bannon ist gemeint, der dies vor einigen Jahren geäußert hat).

Deshalb sei es für die moderne Unwissenheit daran erinnert, dass vormoderne Begriffe zumeist ein weiteeres Begriffsfeld haben als die moderne Vorstellung, dass ich ein Wörterbuch aufschlage und auf der einen Seite das Ursprungswort und auf der anderen die eine, einzige Übersetzung, sich zurecht fantasiert. Nehmen wir einmal eines der großen arabischen Wörterbücher, den Taj al-‚arus, finden wir bei der zugrundeliegenden Verbform (Verzeihung, dass ich hier nicht das arabische Verbalsystem erkläre) tatsächlich „Unterwerfung“ und zwar des Feindes, sogar Erniedrigung oder Zerstörung, eben des Feindes. Schon etwas verwirrend, da es nichts mit der Selbstbezeichnung dessen, was heutzutage Religion genannt wird, zu tun hat. Noch verwirrender: Danach findet sich aber eine weitere Erklärung: „Seine Sache Gott übergeben“ und dafür gibt es eine schöne deutsche Übersetzung mit „Hingabe“, „Demut“ ginge auch, beides Begriffe mit einem ebenfalls weitem Bedeutungsfeld. Also „Islam heißt…“ zeugt eher von Unkenntnis und Ahnungslosigkeit und nimmt allenfalls Übersetzungen von manchen exklusivistischen MuslimInnen auf, was es nicht besser macht.

Es ist wohl zu heiß…


Bei manchem Wetter sollte man keine Interviews führen…

Eigentlich ist es auch zu heiß, um auf so etwas zu reagieren……

Also in der gebotenen Kürze: In der „Presse“, die behauptet eine Qualitätszeitung zu sein (nach diesem Interview fragt man sich, von welcher Qualitätstufe), ist ein Interview publiziert worden (die Namen seien lieber verschwiegen) mit dem Titel „Wie viel Reform braucht der Islam?“. Wenn nicht jemand interviewt wird, der/die in religiösen Fragen bewandert ist, schon ein Hinweis darauf, was kommt.

Der Inteviewer beginnt damit, dass nach einer „jüngsten Meinungsumfrage“ (solche unqualifizierten Bezugnahmen sind ähnlich gut wie die berüchtigten „Studien“), nach der die Hälfte aller Deutschen Angst vor dem Islam habe: Ob dies auch für Österreich zutreffe?

Richtig interessant wird es, als der Interviewer anfängt mit dem „Mehrheitsislam“. Sei dieser mit Demokratie und Rechtsstaat vereinbar. Konkreter heißt das: Ist die Mehrheit der Muslime und Musliminnen fähig, in einem demokratischen Rechtsstaat zu leben. Antwort des Interviewten: „Nein.“ Ob ihm so klar ist, dass er, ein Vertreter einer Initiative Liberaler Muslime, damit die Mehrheit der europäischen MuslimInnen unter Generalverdacht stellt, kann ich hoffentlich bezweifeln.

Es wird viel von Terroristen, Muslimbrüdern, Salafisten, radikalen Islamisten etc. gesprochen, ohne dass irgendein konkretes Wort fällt. Es wird ein diffuses Bild der Bedrohung erzeugt, dass der eingangs zitierten deutschen „Mehrheit“ das Wohlgefühl vermittelt, wir haben Grund zur Angst.

Was immer, man von der konkreten Politik der Muslimbrüderschaft halten mag, es ist schlicht falsch sie zur „ideologischen Triebfeder“ des Terrorismus zu machen. Dschihadisten beziehen ihr ideologisches Repertoire aus anderen Quellen. Das ist ernsthafter Dschihadismusforschung zu entnehmen. Wer genauere Informationen zu den Muslimbrüdern (auch in Europa möchte) sei auf Roel Meijer/Edwin Bakker: The Muslim Brotherhood in Europe oder Alison Pargeter: The Muslim Brotherhood verwiesen. Man könnte auch andere Bcher lesen, z. B. Brynjar Lia: The Society of the Muslim Brothers in Egypt, wo – anders als in besagtem Interview – als Triebkraft des Erfolgs der Muslimbrüder benannt wird,

„ihre Fähigkeit, Themen, die üblicherweise mit Reaktion und Zurückgebliebenheit in Verbindung gebracht werden wie islamische Rechtsvorschriften der öffentliche Moral mit nationalen Themen wie nationaler Unabhängigkeit und Entwicklung zu bringen.“ 

Egal, was man von der Muslimbruderschaft halten mag, etwas ernsthafte und genaue Auseinandersetzung ist schon erforderlich. Dass al-Sawahiri, als derzeitiger Chef von al-Qaeda, zu jemandem wird, der der Hamas direkte Anweisungen gibt, die sich in der Realität mit Dschihadisten Schießereien liefert, ist schon skurril. Der Dschihadismus ist ein zu ernstes Problem, um mit dieser Qualität abgehandelt zu werden.

Also die Mehrheit der MuslimInnen sind verdächtig, potentiell gefährlich, gehören sie der älteren oder jüngeren Generation an.  Der Interviewer kommt zum Finale. Das  muss zitiert werden:

„Müssen die Einwanderungsgesetze geändert werden – und sollen radikale Islamisten ausgewiesen werden, selbst wenn sie einen europäischen Pass besitzen?“ Die Antwort: „Sicher.“

Der Interviewer ist also zum Ziel gekommen. Wir haben erfahren, dass potentiell alle muslimischen EuropäerInnen radikale Islamisten sind. Und mit dieser Frage gibt der Interviewer (und der Interviewte) europäische BürgerInnen zur Deportation frei, falls sie die falsche religiöse Überzeugung. Wunderbar!

Das Interview kann damit als Musterbeispiel von Panikmache und Angsterzeugung gelten. Ein ernsthafter Terrorismusforscher hat es so formuliert:

„Welcher Art sind die Botschaften, die Terroristen übermitteln? […] Was die […] Frage betrifft, so wird sie in der Literatur dahingehend beantwortet, dass die Terroristen mit ihren Gewalttaten darauf abzielten, Furcht und Schrecken zu verbreiten, die jeweils betroffene Bevölkerung zu verunsichern und das allgemeine Vertrauen in den Staat und seine Fähigkeit, die bestehende Ordnung zu schützen, auszuhöhlen.“

Dieses Interview übermittelt genau die Botschaft, die Terroristen zu übermitteln versuchen. Wer glaubt, aus einer Lage, die zur Vorsicht Anlass gibt, publizistisches Kleingeld zu schlagen, betreibt letztlich das Geschäft der Terroristen.

Der „Presse“ ist zu gratulieren, solcher Panikmache Raum zu geben.

Ach ja, über die Reform des Islam oder liberalen Islam erfahren wir eigentlich nichts. Außer die politischen Stellungnahmen machen den Gehalt des letzteren aus… Dann wäre dieser liberale Islam nur ein politischer Islam.

Ach, eigentlich ist es zu heiß für so etwas.

 

 

Altlinke und Muslime


Manchmal erinnert man sich an Schulzeiten. Mit kommt gerade in den Sinn, dass die ersten vom mythischen „68“ beeinflussten Lehrer eigentlich nicht zu den guten zählten… 68er zu sein, kann angesichts der Entwicklung der Personen, die dies für sich reklamieren, kaum als Wert an sich gelten. Dass zudem die „Altlinken“ in Deutschland solche tollen Menscheitsbeglücker gewesen seien, kann man nur als Verklärung der Jugendzeit verstehen. Insofern keine neue Erscheinung, nur im Medienbetrieb scheinen diese Label immer noch etwas zu gelten.
Reinhard Mohr hat sich offensichtlich auf 192 Seiten ergossen. Und „Die Presse“ hat daraus Auszüge gebracht. Und der Herr Altlinke produziert das übliche Programm, das Altrechte viel besser können: Political Correctness, Sozialhilfebetrug, Paschatum, keine Aufklärung im Islam, Parallelgesellschaft, Nazismuskeule, mangelndes Bekenntnis zu den eigenen Werten, Abhängen von Kreuzen (komisch, dass es es jemand stört, der einige Spalten vorher sagt, er und seinesgleichen hätten nichts mit Religion am Hut gehabt) und eine Sprachwissenschaftlerin zitiert mit „Prof. Dr.“ davor als Signal, dass Herr Mohr auch Intellektuellen- und Wissenschaftsfeindlichkeit im Programm hat. Und dann wird die Bildung aus dem Fenster gehängt, Mathias Claudius wird zitiert und die Sprachverluderung beklagt (mit ironisch sei sollenden Beispielen, die eher an Altherrenwitze erinnern; der altlinke Stammtisch klopft sich auf die Schenkel). Einzelfälle werden gereiht. Eine durchdachte kritische Reflexion ist an keiner Stelle auch nur angedeutet. Der Vorwurf der Islamophobie (auch wenn ich selber den Begriff nicht tragfähig finde) ist natürlich ein schreckliches Ding, ein Journalist wird als Kronzeuge (und Alt-68er) zitiert, besonders wohl weil ihn bei „Angriffen auf Islamkritiker“ die Wut packt. Die Selbstimmunisierung lässt grüßen.
Dass hier die reine Fantasieproduktion am Werke ist, zeigt diese Passage besonders schön:

„‚Masch isch dsich Füllung, Alder!‘ hätte eine imaginäre Zahnarzthelferin mit Kopftuch zum Patienten sagen können, den der Backenzahn schmerzt.“ Wir sehen Herrn Mohr zitternd auf dem Zahnarztstuhl sitzen, den Mund aufgesperrt. Und wenn gar die Zahnärztin auch noch gar Kopftuch trägt?

Kurzum, das Elaborat eines älter werdenden weißen Mannes, der seine okzidentale Almacht gefährdet sieht und will, dass alles so ist – wie es früher war. Früher da waren die AusländerInnen noch an ihrem Platz, (Kopftuch-)Frauen haben höchstens geputzt und in der Morgen- oder Abenddämmerung unterwegs, haben sich ansonsten nur in ihren peripheren Straßen und Vierteln bewegt. Vielleicht sollte man sie wieder dorthin verbannen? Dann könnte Herr Mohr es sich in seiner altlinken Parallelgesellschaft bequem machen.
Die Probleme europäischer Gesellschaften kann man sich sicherlich in kritischer und reflexiver Weise eher lösen als mit solcher Grenzverteidigungsprosa.

Clash mit der Kultur


Herr Prüller hat seine Kultur wieder mit anderen zusammenprallen lassen (Die Presse, 20.11.2012, S.47). Das ergibt ganz aufschlussreiche Geräusche. Es geht um den Satz des Ressentiments „Na, das sollten sie sich einmal mit dem Islam trauen!“, zu dem er sich bereits geäußert hatte.
Herr Prüller gibt sich zuerst ausgewogen. Statt Einschränkungen des Praktizierens von Religion könne man lieber Schmähungen der eigenen Religion hinnnehmen. So sieht er es im Falle des Schweizer Minarettverbots. Und, schwupps, sind wir beim Islam.
Denn jetzt wird der „Chef einer wehrhaft gegen die Christenverfolgung in Nigeria auftretenden Gruppe“ zitiert, der nicht bereit ist, die andere Backe hinzuhalten. Im Klartext: Er wird gewaltätig. Herr Prüller dazu: „Das hat was.“ Und erklärt dann, dass er, wenn eines seiner Kinder erschlagen wird, auch nicht die andere Backe hinhalten werde. Also: siehe den christlichen Milizenchef in Nigeria. Nur zu verständlich, aber die Tünche der Zivilisiertheit platzt sehr schnell ab.
Die Zensur ist durchbrochen: Wenn „ihr“ meine Interessen bedroht, dann werde ich auch gewaltsam ‚wehrhaft‘ sein? Böse Lesart, aber sie springt mich so an. Vergessen wird von Herrn Prüller, dass in Österreich und in Europa Muslime hauptsächlich demonstriert haben (manchmal bei Splittergruppen mit widerlichen Parolen), also nichts, gegen das es sich ‚wehrhaft‘ zu verhalten gebe. Geschenkt, dass das syrische Regime Mengen gegen die berüchtigten Karikaturen demonstrieren ließ. Was für ein Regime das war und ist, sehen wir jetzt jeden Tag erneut. In Europa gibt es wenig Anlass christlich ‚wehrhaft‘ gegen Muslime zu sein. Und das „Na, das sollten sie sich einmal mit dem Islam trauen!“ wird erkennbar als: Wir wollen auch! Und das insbesondere gegen die ‚Anderen‘, über die man nur fantasiert, die ‚Anderen‘, die die einzige Wahl nicht treffen wollen, die wir ihnen oktroyiert haben.
Vielleicht sollte auch Herr Prüller erkennen, dass es gar nicht das Problem ist, ob die Wehrhaftigkeit gegen die ‚Anderen‘ gerechtfertigt ist. Es gibt nicht nur falsche Lösungen, es gibt auch falsche Probleme.
Nachdem er so offenherzig den verdrängten Untergrund seiner Friedfertigkeit aufgedeckt hat, beschwört Herr Prüller wieder die Wege, „die von zivilisierten (Hervorhebung von mir, d. Verf.) Gesellschaften ja genau für Überzeugungs-Kollisionen entwickelt worden sind: der Rechtsweg und das Mitreden“.
Seine Beispiele sind ein „Ad-Hoc-Komitee für Religionsfreiheit“ der us-amerikanischen Bischofskonferenz. Für die, die sich dafür nicht so interessieren: Die Bischofskonferenz hat unter diesem klingenden Namen ein Komitee mit Anwälten und Lobbyisten gegründet, weil die US-Regierung u. a. religiöse Hilfsorganisationen verpflichtet bei der HIV-Prävention Kondome einzubeziehen, wenn sie Geld von der Bundesregierung bekommen. Außerdem wendet sie sich dagegen, dass Antidiskriminierungsgesetze auch für Kirchenmitarbeiter anzuwenden sind – soweit es sich nicht um Kleriker handelt. Dazu geht es auch noch gegen die Neudefinition der Ehe, die bisher nur als Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau verstanden wird.
Dass das zweite Beispiel die Gehaltskürzung und Degradierung eines Briten ist, der sich gegen ein Gesetz über gelichgeschlechtliche Verpartnerungen in Kirchen ausgesprochen hat, ist besonders apart, wenn man zugleich es positiv findet, dass sich die US-Bischöfe dafür sind, dass in ihrem Hause Antidiskriminierungsregeln nicht zu beachten. War da nicht eine Geschichte mit Balken und Splittern? Dass dann noch der Schlüsselbegriff „politisch unkorrekt“ auftaucht, der von allen gerne benutzt wird, die ihre Vorrechte und Vorurteile in Gefahr sehen, ist da nur noch konsequent.
Aber, wenn das Mitreden und der Rechtsweg nicht ausreicht, um „den Glauben und die Kirche“ zu verteidigen? Wird dann die andere Backe nicht mehr hingehalten? Geht die US-Bischofskonferenz nach dem Vorbild Camillo Torres in den Untergrund? Verlässt Herr Prüller dann den Rechtsweg? Aber ist ja nur in Nigeria so, dass Christen ‚wehrhaft‘ sind. Wir brauchen das ja nicht in zivilisierter Gesellschaft!? Oder spricht hier nur die verdrängte Seite der Toleranz? Wir sind nur tolerant bis…
Am Schluss seiner Kolumne ironisiert Herr Prüller seine Worte, denn wir sind ja, liberal.
Herr Prüller ist sicherlich ein toleranter Mensch, ja.
Ich werde wohl trotz kalten Wetters doch einmal wieder durch den Sigmund-Freud-Park spazieren gehen und über Verdrängungen sinnieren…