In Zeiten autoritärer Versuchungen


„Andererseits scheint die Erfahrung zu lehren, daß es im Interesse des Friedens und der Eintracht ist, alle Gewalt einem Einzigen zu übertragen. Denn kein Reich hat so lange ohne merkliche Veränderung bestanden wie das türkische, und im Gegensatz dazu sind keine vergänglicher gewesen und haben mehr Aufruhr kennengelernt als Volksstaaten oder Demokratien. Wenn freilich Sklaverei, Barbarei und Einöde Frieden heißen soll, dann gibt es nichts Erbärmlicheres als Frieden. In der Tat entstehen gewöhnlich mehr und heftigere Streitereien zwischen Eltern und Kindern als zwischen Herren und Knechten, und doch liegt es nicht im Interesse des Haushalts, das väterliche Recht in ein Herrenrecht umzuwandeln und so die Kinder wie Knechte zu behandeln. So dient es der Sklaverei und nicht dem Frieden, alle Gewalt einem Einzigen zu übertragen. Denn der Frieden besteht, wie schon gesagt, nicht in einer Abwesenheit von Krieg, sondern inder Einheit oder Eintracht einer geistigen Haltung.“

(Baruch de Spinoza, Politischer Traktat. Lateinisch-Deutsch, Hamburg: Felix Meiner Verlag, 2010 (2. verbesserte Auflage)