Subkulturen über Subkultur


Es gibt eine österreichische Tageszeitung, die beansprucht „Qualitätsjournalismus in Österreich auf ein internationales Niveau zu bringen“. Der Pferdefuß ist hier das internationale Niveau.

So erfahren wir aus den Subkulturen der TerrorismusexpertInnen, dass es ein „Comeback der IS-Jihad-Subkultur“ gebe. Nun Problem Nr. 1, das am Rande gestreift wird, ist die simple Feststellung, dass es in etlichen Teilen der Welt eine solche aktive ‚Subkultur‘ gibt, was man/frau wissen hätte können, wenn man/frau nicht allein auf mediale Meldungen schaut, vielmehr die Entwicklungen selbst in Syrien und Irak an den Aussagen von lokalen Kennern der Entwicklungen verfolgt. Da sind wir wirklich auf dem internationalen Niveau der Subkulturen der TerrorismusexpertInnen angelangt. Ignoranz der ‚eingeborenen‘ die tagtäglich mit der Situation konfrontiert sind und sie manchmal diese Konfrontation mit ihrem Leben bezahlen. Wichtig ist Terrorismus des IS, wenn er in Europa stattfindet. Eurozentrismus kann manchmal schon skurril sein. Obwohl: Ein merkwürdiger Virus wurde ja auch erst interessant als er in Europa angekommen war… Die Deprovinzialisierung Europa ist noch immer eine (überlebens)wichtige Aufgabe.

Kommen wir zu Problem 1b und zu den Hunden. Es wird ein „Hund“-Appellativ heranzitiert, dass die Verfasserin wohl nur aus einem deutschsprachigen IS-Video kennt. Dass besagte Tiere in der überquellenden IS-Online-Kommunikation immer wieder vorkommt… Ach, halt, die ist ja im weit höherem Maße in arabischer Sprache als in europäischen Sprachen.

Und damit sind wir bei Problem Nr. 2! Wir erfahren: „Wir erleben ein Comeback der IS-Jihad-Subkultur auf sozialen Medien, nachdem sie in den letzten Jahren von Twitter, Facebook und sogar Telegram verschwunden waren. Diese Entwicklung hat hochgefährliches Potenzial.“ Dreifach falsch: 1) Es ist kein Comeback! Denn die IS-Kommunikation ist auch nach dem Verlust von Territorium nicht abgebrochen. Sie unterstützt den „Abnützungskrieg“ des IS. Ist halt nicht in die ExpertInnensubkulturen vorgedrungen. 2) Es gibt „soziale Medien“, eh ein Marketingschmäh, jenseits von den drei genannten. Und auf diesen weiteren Plattformen hat der IS eifrig weiter kommuniziert. Und ist dann weiter und wieder auf telegram etc. gespielt worden. Egal, was Europol so vollmundig behauptet hat. Wer allerdings nur sich in den ExpertInnen-Subkulturen umtut, wird davon nichts wissen (wollen? können?). 3) Die IS-Kommunikation findet hauptsächlich in arabischer Sprache statt, sprich: zu 95%. Dann folgen südasiatische, südostasiatische, russischsprachige Kommunikation und dann auch westeuropäische Sprachen. Wer natürlich sich auf ‚Dabiq‘, ‚Rumiyah‘, ‚Inspire‘ etc. plus einige deutsch-, englischsprachige etc. Videos beschränkt, wird im Nebel herumtappen und dann irgendwo anrennen.

Gehen wir zur Abrundung zu Problem 3! Der IS führt seinen Abnutzungskrieg in der arabischen Welt, in Westafrika, in Zentralafrika, in Südasien und in Südostasien. Europa ist da einfach kein Kampffeld. Auch wenn die Subkulturen der Expertinnen es nicht verfolgen können (gewisse Mängel in der Sprachkompetenz könnten vielleicht der Grund sein…), dieser Krieg findet statt. Übrigens auch online (da gibt es vielleicht gewisse Mängel in der Internetkompetenz…).

Da noch zum Abschluss des Theater des Absurden die Irrealität gesteigert werden muss, erfahren wir: „Der Kampf gegen den Terror muss weitergeführt werden, vor allem online.“ Wenn es nicht zum Weinen wäre nach so vielen Jahren gescheiterten ‚Kampfes‘, der immer nur weitere Monster gebiert, wäre es zum Lachen.

Und: Das internationale Niveau der Subkulturen der TerrorismusexpertInnen ist nur auf dem Wege der Höhlenforschung zu finden.

einige Forschungspapiere


Zu einem Thema, auf das jede/r gerne verzichten würde:

Rüdiger Lohlker: All ye unbelievers… ((Research Paper on Terrorism and Exclusivism 2), posted January 2019 (DOI 10.25365/phaidra.77)

Rüdiger Lohlker: IS Video Production (Research Paper on Terrorism and Exclusivism 3), posted January 2019 (DOI 10.25365/phaidra.78)

Rüdiger Lohlker: Multilingual again: Recent Linguistic Developments of IS (Research Paper on Terrorism and Exclusivism 5) (DOI 10.25365/phaidra.95)

Rüdiger Lohlker: Reconfiguring the Swarm: Revival of Strategic Thinking and Technical Knowledge (Research Paper on Terrorism and Exclusivism 6) (DOI 10.25365/phaidra.96)