und schon wieder


Es ist bemerkenswert, welch hohe Zahl an Fehlern sich in einem kurzen Artikel eines österreichischen selbst ernannten Qualitätszeitung unterbringen lassen (und sage niemand, es sei eigentlich nur der Abdruck einer Agenturmeldung; abgedruckt hat sie das Artikelchen). Dass jemand „Islamexperte“ sein soll, mag man ja als lässliche Sünde nachsehen. Journalist*innen glauben immer noch, dass der Ausdruck etwas über Kompetenz aussagt. Inzwischen ist es eher ein Ausdruck dafür, dass die Journalist*innen schreiben will, der weiß irgendetwas über Islam, sei es auch nur über die entsprechenden Regeln zur Herstellung von Lebensmitteln, eine wichtige Sache, die das journalistische Gewerbe meist nicht interessiert.

Kommen wir aber zum Nachhilfeteil: Also ganz langsam für Qualitätsjournalist*innen: Islamwissenschaft ist im deutschsprachigen Raum eine seit vielen, vielen Jahren existierende universitäre Disziplin mit einem vielfältigen methodischen Kanon. Ein „Islamwissenschafter“ an einer Universität ist also ein Vertreter dieser Disziplin oder eben irgendetwas anderes… Eine andere Disziplin kann ich hier nicht nennen, denn der Zusammenhang würde sie abwerten. Da aber Journalist*innen zu glauben scheinen, „Islamwissenschaft“ entspringt der Eigenschaft einer Person, an einer Universität eine Professur innezuhaben und irgendetwas, die Betonung liegt auf „irgendetwas“ über Dinge zu sagen, die mit Islam in Verbindung zu bringen sind. Also, noch einmal ganz langsam, „Islamwissenschaftler“ ist nicht deckungsgleich mit „Islamexperte“. Da Recherche ja nichts mit dem journalistischen Gewerbe zu tun hat, das Objekt der journalistischen Begierde ist islamischer Religionspädagoge, hat einen Abschluss in islamischer Theologie und Soziologie, „Islamwissenschaftler“ ist er definitiv nicht. Und für eine österreichische Nachrichtenagentur plus eine österreichische Zeitung eine spezielle Nachhilfe: Es gibt in Österreich genau eine Professur für Islamwissenschaften. Lässt sich – wie es so schön heißt – googlen. Aber das wäre ja schon fortgeschrittene Recherche! Die Standards der Qualitätszeitungen sind eher standards.

Das Wikipedia ebenfalls falsch behauptet der Gegenstand der journalistischen Begierde macht es nicht besser.

Murmeltier is back again


Sie haben es schon wieder getan:

Zum Mitschreiben für recherchefaule Journalist*innen: Ein Islamwissenschaftler ist Vertreter einer Disziplin namens Islamwissenschaft(en), die es seit 2003 an der Universität Wien gibt. Ein Professur für Islamische Religionspädagoge dortselbst ist Religionspädagoge und eben nicht „Islamwissenschafter“. Journalist*innen scheinen immer noch zu denken, wenn jemand an einer Universität tätig ist, die ja irgendetwas mit Wissenschaft zu tun hat, sei er „Islamwissenschaftler“. Dafür gibt es nicht einmal einen 5er.

o temp….


Seit 1912 ist der Islam in Österreich anerkannt, aber 2020 darf man noch in einer „Qualitätszeitung“ lesen:

„im Sinne der sunnitischen bzw. schiitischen Rechtsschule des Islam“

Und dabei gibt es so viel an grundlegenden Einführungen in den Islam. Oder, um den Klappentext zu Islam für Dummies zu zitieren: „Über 1,3 Milliarden Muslime leben auf allen Kontinenten. Doch was wissen wir über ihren Glauben?“ In österreichischen „Qualitätszeitungen“ offensichtlich nichts.

Studien, Umfragen…


Ein interessantes Phänomen sind Studien und Umfragen, die scheinbar versuchen, Erkenntnisse zu vermitteln. Dabei sind es eher Meinungen, die durch scheinbar empirische Daten gestützt werden sollen. Es geht also um die Produktion trügerischer Evidenz durch scheinbare Objektivität.

Ein hübsches Beispiel gibt eine durch eine österreichische Zeitung in Auftrag gegebene Umfrage bei einem offenkundig Marktforschungsinstitut in einer oberösterreichischen Stadt (Jeder Zweite sieht zu viel Einfluss). Diese Umfrage firmiert als „Weihnachtsumfrage“. Grob gesagt, geht es um die Haltung der, so der Sprech des Artikels, „österreichischen Wahlberechtigten“ zu Religionsgemeinschaften. Lassen wir die Kleinigkeit unbeachtet, dass es auch viele nicht wahlberechtigte Menschen in Österreich gibt, wollen wir uns nur einer anderen Merkwürdigkeit zuwenden.

Die Umfrage ergibt die scheinbare Erkenntnis, so die Überschrift, dass jeder zweite Befragte „zu viel Einfluss des Islam in Österreich“ sehe. Konkret geht es um 51 % der befragten Personen, die der „islamischen Glaubensgemeinschaft“ zu viel Einfluss zuschreiben. Offenkundig ist dem Autor des Artikels nicht bewusst, dass es auch eine Islamische Glaubensgemeinschaft mit großem „I“ gibt, aber wir wollen nicht kleinlich sein und annehmen, dass hier journalistische Unterschiede verwischt werden. Eine Bemerkung über Kontrollfragen, warum das denn so sei, finden wir nicht. Gab es keine? Dafür gab es viele Fragen, ob die Katholische Kirche antworten auf die Fragen der Gläubigen biete etc. Eher nein, aber das schafft es nicht in die Überschrift. Also dürfen wird durchaus annehmen, dass die Wahl der Überschrift bewusst von der „Qualitätszeitung“ gewählt worden ist. Wie die 2157 Postings zeigt: erfolgreich in der Beförderung anti-islamischer Stellungnahmen.

Diese Groteske sei hier nicht weiter verfolgt. Erwähnt sei nur, dass Studien diverser Art die Redaktionen erreichen (Erster Sex, kluge Glatze). Einer Umfrage, die von einer Zeitung in Auftrag gegeben und mit solcher Überschrift versehen wird, darf man die Beförderung eines bestimmten Diskurses unterstellen.

und schon wieder…


JournalistInnen fällt es offensichtlich schwer zu begreifen, dass es ein Fach Islamwissenschaft/en gibt und ein anderes mit der Bezeichnung islamische Theologie, gibt. Die österreichische ‚Qualitätszeitung‘ „Der Standard“ titelt wieder

„Islamwissenschafter“

Im vollem Bewusstsein, dass es niemand liest: „Islamwissenschaft“ ist nicht irgendetwas mit Islam, das an Universitäten geschieht. Es ist ein eigenes Fach mit eigener Definition. Aber für Qualitätszeitungen ist das wohl irrelevant; manche Bretter vor dem Kopf sind eigentlich zu dick…

 

 

Irgendetwas mit Islam?!


Es ist schon wieder passiert: „Der Standard“, eine selbsproklamierte Qualitätszeitung, nennt einen Professor für Religionspädagogik einen ‚Islamwissenschafter‘. Nun ist ein Islamwissenschafter kein Religionspädagoge und umgekehrt.

Langsam für JournalistInnen: Islamwissenschaft ist nicht etwas, das an Universitäten getrieben wird und sich irgendwie mit Islam beschäftigt. Islamwissenschaft ist keine islamische Theologie und keine islamische Religionspädagogik oder was auch immer. Islamwissenschaft ist eine eigenständige Disziplin, die methodischen Kriterien zu genügen hat, die nicht theologisch sind.

Aber es liest ja doch niemand aus der Qualitätsjournalisterei.

Journalismuskritik


Die Qualitätszeitung „Der Standard“ hat mir am 12.11. ein neues Wort beschert. Dabei ist noch gar nicht Weihnachten oder so. Vielleicht gibt es dieses Wörtchen schon länger, und es ist nur an mir vorübergegangen. Das Wörtchen lautet „Flüchtlingskritik“. Nun haben die Medien uns schon länger gewöhnt, dass der ordinäre antimuslimische Rassismus zur „Islamkritik“ geadelt wird.

Aber „Flüchtlingskritik“!? Ist das die Kritik von Flüchtlingen? Nein, es ist die Kritik an Flüchtlingen.

Gemeint ist eine Geschichte, die etwas an eine Posse erinnert. In der Steiermark war die Verteilung von Äpfeln – für die, die es nicht wissen, die Steiermark ist für ihre Äpfel bekannt – an Flüchtlinge gestoppt. Warum? Lebensmittelpolizeilich wurde vermutet, dass die Verteilung von ungewaschenem Obst negative Folgen haben könnte. Als geklärt war, dass das unbedenklich war, wurde die Verteilung fortgesetzt.

In manchen Zeitungen und insbesondere in den in diesem Falle höchst (un-)sozialen Medien wurde sofort gemutmaßt, die Äpfel seien „nicht gut genug“ für Flüchtlinge, die Flüchtlinge hätten die Äpfel abgelehnt etc. pp. In den Postings erbrach sich dann wieder das Vorurteil in breiten Strömen.Etwa so als ob die kritische Theorie die Affirmation des Nazismus beinhaltet.

Dies als „Flüchtlingskritik“ zu betiteln, ist schon ein Auswuchs an sprachlicher Bewusstlosigkeit, der selbst in den Medien schon bemerkenswert ist.

Fantasien anderer Art (oder ähnlich?)


„Der Standard“, der sich auch als Qualitätszeitung bezeichnet, hat einen qualitätsvollen Kommentator auf die Bühne gebeten.

Ein heute bei der „Basler Zeitung“ tätiger Herr nimmt die Zerstörung Palmyras und die dort inszenierten Morde als Anlass über „den Islam“ zu fantasieren. Die erste Falschmeldung lautet „aus der übrigen islamischen Welt“ höre man keine Proteste. Es ermüdet etwas, aber trotzdem noch einmal: Weil man bei der Basler Zeitung nichts mitbekommt, heißt das nicht, dass etwas nicht existiert. Nachhilfeunterricht in Geschichte erspare ich mir dieses Mal.

Interessant wird es aber wenn der ehemalige Psychotherapeut und IKRK-Delegierte theologisiert. Also: Der Autor hat einen Satz gehört und den Wortlaut richtig behalten – den der schahada. Dann hat er auch gehört, dass die vormuslimische Zeit als Dschahiliya bezeichnet wird. Der Autor sieht – wie der IS – darin die Aufforderung alles nicht islamischen Dinge zu vernichten.

Die Schlussfolgerung, die der Verfasser weiter zieht ist, ist aber ebenfalls interessant. Er schreibt: „Ob „radikal“ oder „moderat“, jeder gläubige Muslim teilt das Grundbekenntnis“, gemeint ist die Schahada. Den Anspruch – der jeder anderen Religion ja völlig fremd ist – eine neue Weltsicht zu schaffen, die besser sein soll als die anderen, ist natürlich mit Bezug auf den Islam verwerflich. Denn „diese moralische Überheblichkeit ist eine der Voraussetzungen“ für die jetzige Tragödie in der arabischen Welt. Nun ignorieren wir einmal, dass Regime, die von Westen und Osten und deren Verbündeten in der Region gestützt wurden, nicht ganz unschuldig an der Misere sind, dass internationale Mächte ihr eigenes Süppchen mit dem Blut der Menschen, die in der Region leben, kochen…

Folgen wir stattdessen dem Diskurs des Kommentators, müssen wir annehmen, der Verfasser des Kommentars ist der Überzeugung „jeder gläubige Muslim“ sei verpflichtet, alle nicht islamischen Erscheinugen auf Erden zu vernichten. Er teilt ja das genannte Glaubensbekenntnis und das, was es impliziert. Was soll man mit solchen Menschen tun,  Herr Textchef?

Lassen wir einmal beiseite, dass der werte Autor wieder einmal ignoriert, dass die Mehrzahl der Muslime und Musliminnen außerhalb der arabischen Welt lebt (auch außerhalb des von Boko Haram kontrollierten Gebietes). Lassen wir auch einmal beiseite, dass von einem europäischen Journalisten mehr als eine billige Pseudo-Theologie zu erwarten wäre.

Was wir nicht beiseite lassen können, dass der Textchef der Basler Zeitung einen Dankesbrief des IS erwarten kann. Denn, was er als Islam verkauft, ist genau die Version des IS. Dass sich beide Seiten gegen Muslime und Musliminnen wenden, ist ja eigentlich nicht verwunderlich. Gegensätze ziehen sich ja an.

Was den Kommentar noch aparter macht, ist der Schlussparagraph, in dem sich die Aufforderung findet, Europa solle sich: „von seinen pazifistischen Illusionen und Wehleidigkeiten befreien und zu einem robusten Realismus zurückkehren“. Zieht die Schweiz in den Krieg? Oder ist nur ein älterer weisser Herr, der selber nicht mehr in den Krieg ziehen wird, aus seiner Redaktionsstube heraus gewillt, junge Männer und Frauen in den Tod zu schicken?

Dass es gegen IS & Co. auf vielerlei Ebenen zu handeln gilt u.a. auch mit religiös fundierter Kritik, ist unbestritten und geschieht weltweit (auch wenn man in Basel Augen und Ohren verschließt). Dass funktioniert aber sicher nicht, wenn man nur das Spiegelbild des IS gibt.

Vor solchen Qualitäts-Standards kann man nur den Hut ziehen!

Das Unbehagen


In mehreren Artikeln wurde vor einiger Zeit in der Tageszeitung „Der Standard“ dem Unbehagen am ‚Dialog der Kulturen‘ Ausdruck gegeben. Ein kurzer Kommentar scheint angebracht: