Fantasien anderer Art (oder ähnlich?)


„Der Standard“, der sich auch als Qualitätszeitung bezeichnet, hat einen qualitätsvollen Kommentator auf die Bühne gebeten.

Ein heute bei der „Basler Zeitung“ tätiger Herr nimmt die Zerstörung Palmyras und die dort inszenierten Morde als Anlass über „den Islam“ zu fantasieren. Die erste Falschmeldung lautet „aus der übrigen islamischen Welt“ höre man keine Proteste. Es ermüdet etwas, aber trotzdem noch einmal: Weil man bei der Basler Zeitung nichts mitbekommt, heißt das nicht, dass etwas nicht existiert. Nachhilfeunterricht in Geschichte erspare ich mir dieses Mal.

Interessant wird es aber wenn der ehemalige Psychotherapeut und IKRK-Delegierte theologisiert. Also: Der Autor hat einen Satz gehört und den Wortlaut richtig behalten – den der schahada. Dann hat er auch gehört, dass die vormuslimische Zeit als Dschahiliya bezeichnet wird. Der Autor sieht – wie der IS – darin die Aufforderung alles nicht islamischen Dinge zu vernichten.

Die Schlussfolgerung, die der Verfasser weiter zieht ist, ist aber ebenfalls interessant. Er schreibt: „Ob „radikal“ oder „moderat“, jeder gläubige Muslim teilt das Grundbekenntnis“, gemeint ist die Schahada. Den Anspruch – der jeder anderen Religion ja völlig fremd ist – eine neue Weltsicht zu schaffen, die besser sein soll als die anderen, ist natürlich mit Bezug auf den Islam verwerflich. Denn „diese moralische Überheblichkeit ist eine der Voraussetzungen“ für die jetzige Tragödie in der arabischen Welt. Nun ignorieren wir einmal, dass Regime, die von Westen und Osten und deren Verbündeten in der Region gestützt wurden, nicht ganz unschuldig an der Misere sind, dass internationale Mächte ihr eigenes Süppchen mit dem Blut der Menschen, die in der Region leben, kochen…

Folgen wir stattdessen dem Diskurs des Kommentators, müssen wir annehmen, der Verfasser des Kommentars ist der Überzeugung „jeder gläubige Muslim“ sei verpflichtet, alle nicht islamischen Erscheinugen auf Erden zu vernichten. Er teilt ja das genannte Glaubensbekenntnis und das, was es impliziert. Was soll man mit solchen Menschen tun,  Herr Textchef?

Lassen wir einmal beiseite, dass der werte Autor wieder einmal ignoriert, dass die Mehrzahl der Muslime und Musliminnen außerhalb der arabischen Welt lebt (auch außerhalb des von Boko Haram kontrollierten Gebietes). Lassen wir auch einmal beiseite, dass von einem europäischen Journalisten mehr als eine billige Pseudo-Theologie zu erwarten wäre.

Was wir nicht beiseite lassen können, dass der Textchef der Basler Zeitung einen Dankesbrief des IS erwarten kann. Denn, was er als Islam verkauft, ist genau die Version des IS. Dass sich beide Seiten gegen Muslime und Musliminnen wenden, ist ja eigentlich nicht verwunderlich. Gegensätze ziehen sich ja an.

Was den Kommentar noch aparter macht, ist der Schlussparagraph, in dem sich die Aufforderung findet, Europa solle sich: „von seinen pazifistischen Illusionen und Wehleidigkeiten befreien und zu einem robusten Realismus zurückkehren“. Zieht die Schweiz in den Krieg? Oder ist nur ein älterer weisser Herr, der selber nicht mehr in den Krieg ziehen wird, aus seiner Redaktionsstube heraus gewillt, junge Männer und Frauen in den Tod zu schicken?

Dass es gegen IS & Co. auf vielerlei Ebenen zu handeln gilt u.a. auch mit religiös fundierter Kritik, ist unbestritten und geschieht weltweit (auch wenn man in Basel Augen und Ohren verschließt). Dass funktioniert aber sicher nicht, wenn man nur das Spiegelbild des IS gibt.

Vor solchen Qualitäts-Standards kann man nur den Hut ziehen!

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Wer keine Visionen hat, sollte vielleicht auch zum Arzt gehen…


Die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ hat ihrem liebsten Bürgerkriegsprediger wieder viel Raum eingeräumt. In der Ausgabe vom 20. Juni lesen wir von ihm „Nein, ich habe keine Visionen“.
Nun, nun zumindest Kenntnisse hat er keine. Wir lesen z. B.:

„Eine islamische Moderne Moderne konnte nicht entstehen, weil schon im zehnten Jahrhundert – also mit der Durchsetzung der islamischen Theologie – „das Tor der Auslegung“ des Korans weitgehend geschlossen wurde. Noch im neunten Jahrhundert diskutierten die theologischen Vertreter der Mu’taziliten – die von der griechischen Philosophie beeinflusst waren – die Willensfreiheit und die Verantwortlichkeit des Menschen. Danach kapselte sich der Islam von der übrigen Welt theologisch und intellektuell bis heute ab.“

Lassen wir einmal den üblichen Denkfehler beiseite, dass ein völlig ahistorischer Islam angenommen wird. Ein Denkfehler, den antimuslimische Kreise ja mit manchen muslimischen teilen. Lassen wir auch einmal beiseite, dass eine Geschichtsteleologie, die von Augustinus zur Aufklärung und darüber hinaus eine gewissermaßen Zielgerichtetheit der Geschichte Europas (war Augustin nicht auch Nordafrikaner..) postuliert, doch arg nach 19. Jahrhundert mieft. Wäre ich bösartig, würde ich sagen nach „deus vult/deus lo vult“… Worum geht es also?
Die Durchsetzung der i. (die Abkürzung dient dazu, die Verwechselung mit der historischen Realität zu vermeiden) Theologie habe zu besagter Abkapselung geführt. Wie kommt es dann, dass Vertreter der i. Theologie wie die Mu’taziliten anscheinend die Guten sind? Ach ja, sie sind ja von der griechischen Philosophie beeinflusst! Aber i. Theologen sind sie nun trotzdem? Und wenn es nun an der Rezeption der griechischen (eigentlich müssten wir die mit großen „G“ schreiben, da es nicht um die reale, hellenistisch verarbeitete Form; gemeint ist natürlich die G. Philosophie als politische Waffe) Philosophie liegt, dann sind also Rezipienten selbiger gut? Also auch z. B. Abu Hamid al-Ghazali???
Dass unser Autor nichts über die zwangsweise Durchsetzung der Thesen der Mu’tazila durch Folter, Inhaftierung etc. erwähnt… Ach, was soll’s!
Ich darf schon gar nicht daran denken, ob der Verfasser etwas von den internen Differenzierungen der Mu’tazila weiß? Nein, das dürfte das Vorurteil überlastet. Hat er wenigstens in Wikipedia nachgeschaut, dass die Mu’tazila „ihre Blütezeit zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert erlebte“? Wohl eher auch nicht, ist nicht Teil seines geistigen Universums, zu viel an „vorsichtig abwägen“.
Ob der Autor ahnt, dass “ ‚das Tor des Auslegung‘ des Korans“, das er seit dem 10. Jahrhundert geschlossen meint, in Wirklichkeit den „bab al-ijtihad“ meint und nicht „bab at-tafsir“ und außerdem sich auf das islamische Recht bezieht und nicht auf die Koranauslegung? Wohl eher nicht. Wissen stört ja die Vorurteilsproduktion. Dann braucht es auch gar nicht zu interessieren, dass das die Forschung seit Jahrzehnten weiß, dass die einfache Formel der „Schließung des Tores des ijtihad“ der historischen Realität nicht entspricht. Ach Kenntnis, Wissen ist wohl kaum Teil der europäischen Tradition, wenn wir unserem Autoren folgen.
Dass auch die Abkapselung gegenüber Europa nicht der Fall war und gegenüber dem überwiegenden Rest der Welt schon gar nicht, ist wiederum zu viel an historischer Realität. Das macht einem ja die schönste Feindbildkonstruktion für den europäischen Bürgerkrieg kaputt!
Grotesk wird es wirklich, da gebe ich dem Autoren recht, wenn er sich dem wohlfeilen Vergleich der jetzigen schrecklichen Entwicklung in der arabischen Welt (nicht in Europa; der Unterschied interessiert ihn aber nicht) mit dem Dreißigjährigen Krieg in Europa anschließt. Die Menschen außerhalb Europas schaffen es ganz gut, sich gegenseitig umzubringen, ohne die Geschichte Europas zu reinszenieren. Das ist wirklich etwas viel Eurozentrismus…
Ein letztes Schmankerl noch: Die Gründe für die jetzige Lage der arabischen Welt – für den Autor natürlich die „islamische“, den Unterschied begreift er nie – müssen, so wird dekretiert, „in der Religion und der Zivilisation der islamischen Gesellschaften selber gesucht werden“. Wie schön, dass der „Presse“-Autor z.B. mit al-Maududi einer Meinung ist! Einige Zeilen weiter erfahren wir aber: „Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen und Osten und in Nordafrika dokumentieren den Zerfall einer nach dem Ersten Weltkrieg künstlich geschaffenen politischen Ordnung.“
Also: Wenn die Gründe für die jetzige Lage in der arabischen Region in der „Religion und der Zivilisation der islamischen Gesellschaften selber“ liegen und gleichzeitig auf die „künstlich geschaffene politische Ordnung“ zurückzuführen sind, wer war das noch gerade, der die Ordnung geschaffen hat? Es müssen ja dann eigentlich Muslime gewesen sein. Also waren die Regierungen Großbritanniens, Frankreich und Italiens (das ja in Libyen eine eigene Ordnung der Friedhofsruhe geschaffen hatte) von Kryptomuslimen unterwandert, die durch religiösen Zwang getrieben wurden… Ich liebe Verschwörungstheorien!
Die restlichen Perlen der Weisheit dieses Autoren solte man nicht weiter beachten. Irgendwann reicht es. Und soweit nennt sich Qualitätszeitung…

Arte, Salafismus und Weisheiten der Seherinnen


Da ich mit zu vielen anderen Dingen beschäftigt war, ist hier länger nichts gepostet worden. Ein jüngst auf dem Sender arte ausgestrahlter Film, an dem ich auch etwas beteiligt war, veranlasst mich dann doch wieder.
Eine Dame wirft als Reaktion darauf vir, dass „Islamwissenschaftler und -Sympathisanten wie Guido Steinberg und Rüdiger Lohlker verdrängen und umkreisen diesen Punkt wie ein gefährliches schwarzes Loch.“ Welchen Punkt? Kommt gleich. Ich frage mich nur gerade, bin ich Islamwissenschaftler oder Islamsympathisant? Oder beides? Und weißt das? Dazu gleich mehr.
Der Punkt ist: „Das Problem des Islam und sein Geburtsfehler sind die Person des Stifters und Kriegsherrn Mohammed und dessen in Koran, Hadithen und Scharia niedergelegte Lehre mit ihrem Konzept des Dschihad, das ein Gewaltpotenzial bereithält, welches in der gesamten kriegerischen Geschichte des Islam immer zum Ausbruch kam.“ Ich erspare mir, in Vourteil religionsvergleichend etwas Sinn hineinzubringen. Religionsvergleichend wird die Schreiberin selber:
„Während die Lehren und das gelebte Beispiel eines Buddha, Konfuzius oder Jesus von Nazareth mit unseren heutigen Begriffen von Menschenwürde und Menschenrechten verträglich sind, können die in Koran, Hadithen und Scharia niedergelegte Doktrin, vor allem aber das persönliche Beispiel des Stifters und Propheten Mohammed – der einen ganzen jüdischen Stamm ausgerottet hat! – uns Menschen in der aufklärerischen Tradition nicht überzeugen.“
OK. Die Guten sind benannt, der Böse auch. Dass wir uns gerade in der Zeit des Gedenkens u.a. der Befreiung des KZ Mauthausen, scheint die Schreiberin nicht mit dem Gedanken anzukränkeln, dass mit dem Fetisch Aufklärung etwas nicht funktioniert. Schlimm genug. Der Arzt empfiehlt immer noch die Dialektik der Aufklärung. Bei chronischen Fällen hilft es allerdings auch nicht.
Dazu kommt noch: Wenn der Islam einen Geburtsfehler hat, was sollen Muslime und Musliminnen machen? Entweder wenden sie sich von dieser mit dem Geburtsfehler behafteten Religion ab (einige Alternativen werden freundlicherweise genannt) oder für diejenigen, die sich einfach nicht von dieser Religion abwenden wollen, bleibt logisch nur Verfolgung, Vertreibung etc., denn sie wollen ja nicht von der Gewalt lassen, sind potentiell also gewalttätig…
Und dann wundern sich die Schreiberin u.a. vermutlich, warum Muslime und Musliminnen so hin und wieder nicht ganz akzeptiert fühlen.
Abgesehen dass ich Guido Steinberg zur Aufnahme in den illustren Feindbildkatalog solcher Leute gratuliere (vielleicht habe ich es vorher nur nicht mitbekommen), ist es nicht vermessen, hinter der Schreiberin Breivik grinsen zu sehen, der ja vorgeführt hat, was sich für Folgerungen aus solchen Gedanken ziehen lassen (gut christlich-abendländisch, kreuzritterlich). Aber das hat die Schreiberin natürlich nicht gemeint… Wie die vielen anderen, die sich bei dem Herrn finden lassen.
Sei’s drum: Eine letzte Frage: Warum schickt ein Fernsehsender solches Geschreibsel eigentlich zu?

Tauwetter?


Ich habe diese Zeitung länger nicht aufgeschlagen. Manche Fehler macht man aber immer wieder:

Es ist zwar Tauwetter, manches bleibt aber im Permafrost gefangen. Zu diesem Dauerfrost gehören das Publizieren hochideologischer Artikel zum Thema Islam in der österreichischen Zeitung „Die Presse“. Am 3. 1. 2015 war wieder einmal kein Anzeigenplatz vekauft worden, so dass ein Artikel die Leere füllen musste.

Ein Sozialwissenschaftler und der Vorsitzende der Frei(!)denker Österreichs dekretieren autoritär die Schaffung eines liberalen Islam oder auch die Reform des Islam. Wer eine Erleuchtung hat, auf welche Weise Liberalität oktroyiert werden, freies Denken Menschen auferlegt werden kann, mag sich glücklich schätzen. Es erscheint aber eher als ein schwer auflösbares Paradoxon.

Worum geht es denn im Detail? Zuerst wird mit dem 30jährigen (Religions-)Krieg gedroht. Dass die Herren von der neueren Debatte in den historischen Wissenschaften um die Religion in diesem Krieg gehört haben, ist in einer „Qualitätszeitung“ wohl nicht verwunderlich. Wenn es um den Islam geht, muss ja nicht so viel wissen.

Also: Wir wissen ja, ‚der Islam‘ (sprich: die Muslime und Musliminnen in Europa) droht den „liberal-demokratischen Gesellschaften“ mit dem Krieg.

Die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, ist die Reform des Islams, Mindestbedingung: „zumindest eine radikale Reform der Scharia respektive deren Abschaffung“. Da die beiden Autoren offenkundig von Scharia in der historischen konkreten Gestalt keinerlei Ahnung haben, liegt die Vermutung nahe, dass sie ein höchst fundamentalistisches Verständnis von „Scharia“ haben. Es ist merkwürdig, dass das Islam-/Schariaverständnis der so fundamentalismuskritischen Islamkritiker – um einmal den gängige schönfärberischen Begriff zu nehmen – sich so ähnlich ist. Ah! Die Autoren haben es geahnt, dass solch ein Einwand kommt. Sie schreiben, es würden „alle Islamkritiker in eine islamophobe Ecke gestellt“. Die armen verfolgten „Kritiker“, die ja in einer klandestinen Tageszeitung wie der „Presse“ verschämt nur im hintersten Eck publizieren dürfen… Wir danken für dieses neujährliche Musterbeispiel der verfolgenden Unschuld. Ein kleine Draufgabe ist, dass die „gegenwärtige politische Diskussion um die Friedfertigkeit des Islams“ von den mündigen Bürgern ihrer Art durchschaut wird. Also ist auch die politische Meinung gegen unsere „Kritiker“, nicht zu vergessen vermutlich auch die in Deutschland zur Zeit öfters beschimpfte „Lügenpresse“. Es geht – nebenbei – also nicht nur um den „orthodoxen Islam“ – was immer das sein mag – der Islam insgesamt ist gemeint.

Dass sie vielleicht einfach keine Ahnung über islamische Dinge haben, kommt den Herren nicht in den Sinn. Dass „freiheitsliebende Muslime“, von denen es viel mehr gibt (übrigens auch Musliminnen) als den Herren bekannt ist, von solchen Freunden besser die Finger lassen werden, ist für sie auch unvorstellbar. Letztlich geht es den Herren nicht um den Islam, eher wollen sie ihre Vorurteile äußerln führen. Dass sich „Die Presse“ immer wieder dazu hergibt, muss sie wohl mit ihrem journalistischen Gewissen abmachen.

Eine kleines Zusatzbeispiel für Ahnungslosigkeit: Dass KAICIID – was immer man auch darüber denken mag – ist keine „Missionsstation“. Dann müsste man sich ja damit beschäftigten, denken – vielleicht nicht frei, aber sachorientiert – und das ist anstrengend… Besser eingefroren bleiben im Eis der Ahnungslosigkeit.

Ach ja, dem Leitartikel im „Spiegel“ vom 20.12.2014 können wir entnehmen, dass das Neue von anderen innerstaatlichen Kriegserklärern wie den Pegida-Demonstrationen ist, dieses ist: „Landläufig als ’normal‘ gelten Bürger finden nichts Abstoßendes daran, sich mit […] zweifelhaften Gestalten zu mischen.“ In der selben Zeitschrift finden auf S.37 in einem Essay folgende Worte: „Das Paradoxon des Glaubens besteht darin, das s in ihm offenbar beides wurzelt. Einerseits kann er dem Individuum enorme Kraft und wahrhaftig frohe Botschaft sein; ein Wunder, weil er den Menschen aus der Unwissenheit führen kann, die in der Gewissheit seines Todes liegt. […] Andererseits: Was individuell rettend ist, kann kollektiv das Mörderische gebären.“ Auf dem Niveau lässt sich über Religion und Glauben ernsthaft reden. Das der „Presse“ liegt gerade beim Thema Islam weit darunter.

P.S.: Ob Hobbes diesen Missbrauch verdient hat, mag man bezweifeln.

Qualifikationsprofil eines Islamkritikers


In der „Presse“ vom 4. Oktober 2014 kann man nachlesen, was es braucht, um erfolgreich ein sog. Islamkritiker zu werden. Man ist Mitglied der Muslimbruderschaft gewesen, muss die Deutschen für schreckliche Rassisten gehalten haben und durch den Anblick von Schweinefleisch wütend geworden sein. Und das war’s. Beneidenswert.
Man könnte natürlich sagen, dass die von dem hier angesprochenen Herrn ausgesprochenen Meinungen eher zeigen, dass die Muslimbrüder ein ziemlich Bildungsproblem in islamischen Dingen gehabt haben muss als der betreffende Herr Mitglied war. Dass er aus den erworbenen ‚Kenntnissen‘ ein bloßes Negativ zieht und damit als Kronzeuge aus dem Inneren der Bestie durch die Lande reist, fällt ein Urteil über diejenigen, die ihm andächtig lauschen. Allein das Konstrukt „Islam als Faschismus“ ist ein so lächerlicher Kategorienfehler, dass er nicht mehr beschreibbar ist. Dass den Lauschenden auch noch verkauft wird, der neue ‚Islamische Staat‘ verkörpere die Wahrheit des Islams während die „friedliebenden Muslime“ „für die westlichen Gesellschaften…eine Chance“ seien. Also der Islam an sich ist terroristisch, was sind Muslime – auch die friedliebenden? Oder müssen sie nicht mehr Muslime sein, um nicht mehr gefährlich zu sein. Denn „der Islam hat nichts dagegen“ Köpfe abzuschlagen. Also Muslim (und Musliminnen nehme ich an, auch) sind erst gut, wenn sie keine Muslime mehr sind, so der Herr Islamkritiker. Abgesehen davon, dass es einige Bücher gibt, die ihm nahebringen würden, dass IS kaum dem älteren Kriegsrecht entsprechend handelt… Aber der Kronzeuge weiß ja eh alles. Also abgesehen davon, was bleibt. Entweder alle Muslime und Musliminnen als erwiesene TerroristInnen zu deportieren oder zwangsweise zum Atheismus umzuerziehen oder kann man den besagten Herrn wegen Verbrechen gegen die Logik verfolgen.
Ihn mit dem Tod zu bedrohen, ist auf jeden Fall verwerflich.

Ingenieurskunst


Es gibt einmal wieder eine kleine Debatte um Kreuze in der Schule in Österreich. Auch ein Diplomingenieur fühlt sich berufen, sich in einem Leserbrief in der „Presse“ vom 7.12.2013 dazu zu äußern. Und zwar so:
„Die europäische Kultur ist christlich geprägt – und das ist gut so. Terrorismus oder Unterdrückung von Frauen gehören nicht dazu.“
Und dann kommt die Drohung:
„den Kindern in der Schule sollen ihre Inhalte vermittelt werden, egal welcher Konfession sie auch angehören“.
Hübsch kodiert hat der Herr DI: Europa ist nicht islamisch, denn „wir“ wissen ja, „der Islam“ ist die Ursache „des Terrorismus“ und per se frauenfeindlich. Dann ist es natürlich gerechtfertigt, die Kinder zwangsweise zu missionieren – im Auftrag eines Staates, der immerhin säkular sein will und alle Religionen, die anerkannt sind, kooperativ einbindet.
Nun wurden die Eltern, die sich gegen besagtes Kreuz wandten (gibt nette weitere Geschichten darum;)), von einem eher antikonfessionell und -religiös orientierten Verein unterstützt, es waren keine MuslimInnen. Aber der antimuslimische Beißreflex funktioniert doch ganz hervorragend.
Denken wir an den Georgs-Ritter Breivik oder an die jahrhundertelang bewiesene Frauenfreundlichkeit der christlichen Kirchen, bleibt nur die Hoffnung, der Ingenieur möge pensioniert sein… Eigentlich ist Aufrechnerei ziemlich öde, aber hin und wieder sei es erlaubt, an die Realität zu erinnern.