Buchbesprechung


Fabian Reicher/Anja Melzer, Die Wütenden: Warum wir im Umgang mit dschihadistischem Terror radikal umdenken müssen, Frankfurt a. M.: Westend Verlag, 2022

Manchmal helfen aktuelle Bücher, dass man sich früherer Zeiten erinnert als jemand wie Paulo Freire und seine Pädagogik der Unterdrückten von Bedeutung waren. Die Aufnahme solcher Ideen in der Sozialarbeit und deren Produktivität zeigt das Buch von Reicher und Melzer.

Es geht einerseits um eine Einführung in Welten von jungen Leuten, die den meisten, die dieses Buch lesen werden, eher fremd sind, andererseits um die sozialarbeiterische Praxis mit diesen jungen Leuten.

Es wird an fünf Beispielen berichtet, wie sich eine jugendliche Subkultur entwickelt, die in den Bereich des Dschihadismus des Islamischen Staates sich bewegt. Aus den unterschiedlichsten Gründen, bewegen sich diese jungen Leute in dieses Umfeld hinein. Die Begegnungen mit den einzelnen Personen werden in lebendiger Weise dargestellt. Als Ausgangspunkt wird der Anschlag in Wien Anfang November 2020 gewählt.

Letztlich geht es um „patriarchale Strukturen und toxische Männlichkeitsstrukturen“ (S.225), die in unseren Gesellschaften tief verwurzelt sind und die einem grundlegenden Wandel im Wege stehen. Trotzdem bleibt der Ko-Autor überzeugt, dass seine Sache „die Sache der Menschen auf der Straße“ (S.226) ist. Diese Parteilichkeit zieht sich durch das gesamte Buch.

Ein gutes Beispiel für den Ansatz, der sich in diesem Buch in schöner Weise widerspiegelt, ist für mich die folgende Passage:

„In der Pädagogik der Wütenden geht es darum, einen Raum zu öffnen, in dem es möglich ist, Werte, Haltungen und Vorstellungen auf eine produktive Weise auszuhandeln. Will man Jugendlichen demokratische Werte vermitteln, muss man den intersubjektiven Raum nach diesen Werten gestalten. Für einen partizipativen Aushandlungsprozess auf Augenhöhe ist es notwendig, Hierarchien, die sich auf Alter, Bildung, Erfahrung oder der eigenen Rolle begründen, zu reflektieren und abzubauen. Autoritäre Appelle, moralisierende Abwertungen oder harte Strafen stehen nicht nur im Widerspruch zu den angeblichen fundamentalen Werten und Überzeugungen unserer Gesellschaft – sie funktionieren auch nicht.“ (S.93)

So wird die ‘Bankiers-Methode‘ – so nennt es Paulo Freire einmal – der Bildung aufgebrochen und die passive Aufnahme des Wissens in Handlungsfähigkeit transformiert, die zugleich neues Wissen produziert. Es geht nicht nur um den Fetisch des Ausstiegs, es geht auch darum, Menschen auf einem Weg zur Selbsttransformation zu begleiten. Alles andere funktioniert nicht, auch wenn immer so getan wird.

Das Buch gibt berührende Beispiele, die gerade der häufig an sich selber scheiternden Deradikalisierungsarbeit Impulse geben können. Und vielleicht sogar den Theorien über Deradikalisierung. Hoffen wird man ja noch dürfen…

Also eine empfehlenswerte Lektüre.