Als sich die Ferse vor der Hacke ekelte


Doch noch einmal die „Wiener Zeitung“, dieses Mal 20. Juli, S.20. Ein Kolumnist hat Ekelgefühle beim Lesen über Fußball bekommen. Nicht was Sie jetzt denken angesichts der Qualität mancher Presseprodukte zu diesem Thema.

Nein, es geht darum, dass das Wort „Hacke“ benutzt wurde. Er vermeint, dass sich niemand für den Gebrauch des Wortes ‚Ferse‘ zu „genieren“ brauche, da es standardsprachlich sei. Nun ist die Frage, warum man überhaupt auf die Idee kommen sollte, sich zu genieren, ein Wort zu benutzen (trotz allem „schön sprechen“). Das zeugt eher von tief sitzenden Problemen.

Nun wurde der inkriminierte Begriff – geben wir es zu – in der Zeitung „Österreich“ benutzt. Das ist aber übel, denn: „Wo Österreich draufsteht, sollte auch Österreich drin sein.“ Es geht also darum, dass der eher norddeutsche gemeinsprachliche Ausdruck ‚Hacke‘ Österreich gefährdet. Die Realitätsangemessenheit des Szenarios sei bezweifelt.

Nun kommen einige sprachgechichtliche Verweise, die hier nicht weiter kommentiert werden sollen. Es ist nur paradox, dass ein Kolumnist die Sprachgeschichte bemüht, um eine Sprachentwicklung stillzustellen, eine lebendige Sprache zu homogenisieren und zu standardisieren, damit sie sich nicht weiterbewege. Hier bricht sich ein deutlicher Identitätsdrang Bahn, dem der simple problemlösende Weg versperrt scheint, sich an der Vielfalt der Ausdrücke zu erfreuen und sprachliche Varietäten zu fördern, wenn sie durch medialen Druck marginalisiert werden.

Es scheint ein stärkeres Motiv zu geben. Dies entblößt sich gegen Ende der Kolumne. Es ist der Ekel (es geh hier nicht um Sartre). Zitieren wir einmal den Brockhaus, Jahrgang 1968: „Ekel, der, 1) Nausea, instinktiver Widerwille, Abscheu, meist begleitet von körperlichem Übelbefinden; insbes. bei Erbrechen […] 2) das, umgangsprachlich: widerwärtiger Mensch.“ Der Kolumnist beliebt dies als „Sprachekel“ zu fassen, ein Wort, für das er eine gewisse Vorliebe hat. Er sieht es als ein „im gesamten deutschen Sprachraum“ anzutreffendes Phänomen, wofür er ein „Stürmchen“ angesichts der Verwendung der Formulierung „das Cola“ in einer Werbung in Deutschland bemüht. Nun, wenn also andere sich daneben benehmen, darf ich es auch. Ein hübsches Beispiel für das in islamischen Kontexten häufig bemühte Reziprozitätsargument: ‚Ich kann dort keine Kirche, also darfst du hier keine Moschee bauen.‘ Abgesehen davon, dass sich dies mental auf der Sandkastenebene bewegt, wird es nicht besser, dass andere es tun. Wenn andere beschämend sich äußern, ist es durchaus ein Grund, sich dafür zu schämen, dass man es selber tut. Aber Ressentiment zeichnet sich nie durch Reflexion aus.

Deutschen in Österreich sei angeraten, einen weiten Bogen um den Kolumnisten zu schlagen. Er könnte ihnen auf die Hacken, pardon: Fersen, speiben.

Und jetzt wandert die „Wiener Zeitung“ ins Altpapier, damit sie wenigstens recycelt wird.

 

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