Wer keine Visionen hat, sollte vielleicht auch zum Arzt gehen…


Die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ hat ihrem liebsten Bürgerkriegsprediger wieder viel Raum eingeräumt. In der Ausgabe vom 20. Juni lesen wir von ihm „Nein, ich habe keine Visionen“.
Nun, nun zumindest Kenntnisse hat er keine. Wir lesen z. B.:

„Eine islamische Moderne Moderne konnte nicht entstehen, weil schon im zehnten Jahrhundert – also mit der Durchsetzung der islamischen Theologie – „das Tor der Auslegung“ des Korans weitgehend geschlossen wurde. Noch im neunten Jahrhundert diskutierten die theologischen Vertreter der Mu’taziliten – die von der griechischen Philosophie beeinflusst waren – die Willensfreiheit und die Verantwortlichkeit des Menschen. Danach kapselte sich der Islam von der übrigen Welt theologisch und intellektuell bis heute ab.“

Lassen wir einmal den üblichen Denkfehler beiseite, dass ein völlig ahistorischer Islam angenommen wird. Ein Denkfehler, den antimuslimische Kreise ja mit manchen muslimischen teilen. Lassen wir auch einmal beiseite, dass eine Geschichtsteleologie, die von Augustinus zur Aufklärung und darüber hinaus eine gewissermaßen Zielgerichtetheit der Geschichte Europas (war Augustin nicht auch Nordafrikaner..) postuliert, doch arg nach 19. Jahrhundert mieft. Wäre ich bösartig, würde ich sagen nach „deus vult/deus lo vult“… Worum geht es also?
Die Durchsetzung der i. (die Abkürzung dient dazu, die Verwechselung mit der historischen Realität zu vermeiden) Theologie habe zu besagter Abkapselung geführt. Wie kommt es dann, dass Vertreter der i. Theologie wie die Mu’taziliten anscheinend die Guten sind? Ach ja, sie sind ja von der griechischen Philosophie beeinflusst! Aber i. Theologen sind sie nun trotzdem? Und wenn es nun an der Rezeption der griechischen (eigentlich müssten wir die mit großen „G“ schreiben, da es nicht um die reale, hellenistisch verarbeitete Form; gemeint ist natürlich die G. Philosophie als politische Waffe) Philosophie liegt, dann sind also Rezipienten selbiger gut? Also auch z. B. Abu Hamid al-Ghazali???
Dass unser Autor nichts über die zwangsweise Durchsetzung der Thesen der Mu’tazila durch Folter, Inhaftierung etc. erwähnt… Ach, was soll’s!
Ich darf schon gar nicht daran denken, ob der Verfasser etwas von den internen Differenzierungen der Mu’tazila weiß? Nein, das dürfte das Vorurteil überlastet. Hat er wenigstens in Wikipedia nachgeschaut, dass die Mu’tazila „ihre Blütezeit zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert erlebte“? Wohl eher auch nicht, ist nicht Teil seines geistigen Universums, zu viel an „vorsichtig abwägen“.
Ob der Autor ahnt, dass “ ‚das Tor des Auslegung‘ des Korans“, das er seit dem 10. Jahrhundert geschlossen meint, in Wirklichkeit den „bab al-ijtihad“ meint und nicht „bab at-tafsir“ und außerdem sich auf das islamische Recht bezieht und nicht auf die Koranauslegung? Wohl eher nicht. Wissen stört ja die Vorurteilsproduktion. Dann braucht es auch gar nicht zu interessieren, dass das die Forschung seit Jahrzehnten weiß, dass die einfache Formel der „Schließung des Tores des ijtihad“ der historischen Realität nicht entspricht. Ach Kenntnis, Wissen ist wohl kaum Teil der europäischen Tradition, wenn wir unserem Autoren folgen.
Dass auch die Abkapselung gegenüber Europa nicht der Fall war und gegenüber dem überwiegenden Rest der Welt schon gar nicht, ist wiederum zu viel an historischer Realität. Das macht einem ja die schönste Feindbildkonstruktion für den europäischen Bürgerkrieg kaputt!
Grotesk wird es wirklich, da gebe ich dem Autoren recht, wenn er sich dem wohlfeilen Vergleich der jetzigen schrecklichen Entwicklung in der arabischen Welt (nicht in Europa; der Unterschied interessiert ihn aber nicht) mit dem Dreißigjährigen Krieg in Europa anschließt. Die Menschen außerhalb Europas schaffen es ganz gut, sich gegenseitig umzubringen, ohne die Geschichte Europas zu reinszenieren. Das ist wirklich etwas viel Eurozentrismus…
Ein letztes Schmankerl noch: Die Gründe für die jetzige Lage der arabischen Welt – für den Autor natürlich die „islamische“, den Unterschied begreift er nie – müssen, so wird dekretiert, „in der Religion und der Zivilisation der islamischen Gesellschaften selber gesucht werden“. Wie schön, dass der „Presse“-Autor z.B. mit al-Maududi einer Meinung ist! Einige Zeilen weiter erfahren wir aber: „Die kriegerischen Auseinandersetzungen im Nahen und Osten und in Nordafrika dokumentieren den Zerfall einer nach dem Ersten Weltkrieg künstlich geschaffenen politischen Ordnung.“
Also: Wenn die Gründe für die jetzige Lage in der arabischen Region in der „Religion und der Zivilisation der islamischen Gesellschaften selber“ liegen und gleichzeitig auf die „künstlich geschaffene politische Ordnung“ zurückzuführen sind, wer war das noch gerade, der die Ordnung geschaffen hat? Es müssen ja dann eigentlich Muslime gewesen sein. Also waren die Regierungen Großbritanniens, Frankreich und Italiens (das ja in Libyen eine eigene Ordnung der Friedhofsruhe geschaffen hatte) von Kryptomuslimen unterwandert, die durch religiösen Zwang getrieben wurden… Ich liebe Verschwörungstheorien!
Die restlichen Perlen der Weisheit dieses Autoren solte man nicht weiter beachten. Irgendwann reicht es. Und soweit nennt sich Qualitätszeitung…

Advertisements