Tauwetter?


Ich habe diese Zeitung länger nicht aufgeschlagen. Manche Fehler macht man aber immer wieder:

Es ist zwar Tauwetter, manches bleibt aber im Permafrost gefangen. Zu diesem Dauerfrost gehören das Publizieren hochideologischer Artikel zum Thema Islam in der österreichischen Zeitung „Die Presse“. Am 3. 1. 2015 war wieder einmal kein Anzeigenplatz vekauft worden, so dass ein Artikel die Leere füllen musste.

Ein Sozialwissenschaftler und der Vorsitzende der Frei(!)denker Österreichs dekretieren autoritär die Schaffung eines liberalen Islam oder auch die Reform des Islam. Wer eine Erleuchtung hat, auf welche Weise Liberalität oktroyiert werden, freies Denken Menschen auferlegt werden kann, mag sich glücklich schätzen. Es erscheint aber eher als ein schwer auflösbares Paradoxon.

Worum geht es denn im Detail? Zuerst wird mit dem 30jährigen (Religions-)Krieg gedroht. Dass die Herren von der neueren Debatte in den historischen Wissenschaften um die Religion in diesem Krieg gehört haben, ist in einer „Qualitätszeitung“ wohl nicht verwunderlich. Wenn es um den Islam geht, muss ja nicht so viel wissen.

Also: Wir wissen ja, ‚der Islam‘ (sprich: die Muslime und Musliminnen in Europa) droht den „liberal-demokratischen Gesellschaften“ mit dem Krieg.

Die einzige Möglichkeit, dem zu entgehen, ist die Reform des Islams, Mindestbedingung: „zumindest eine radikale Reform der Scharia respektive deren Abschaffung“. Da die beiden Autoren offenkundig von Scharia in der historischen konkreten Gestalt keinerlei Ahnung haben, liegt die Vermutung nahe, dass sie ein höchst fundamentalistisches Verständnis von „Scharia“ haben. Es ist merkwürdig, dass das Islam-/Schariaverständnis der so fundamentalismuskritischen Islamkritiker – um einmal den gängige schönfärberischen Begriff zu nehmen – sich so ähnlich ist. Ah! Die Autoren haben es geahnt, dass solch ein Einwand kommt. Sie schreiben, es würden „alle Islamkritiker in eine islamophobe Ecke gestellt“. Die armen verfolgten „Kritiker“, die ja in einer klandestinen Tageszeitung wie der „Presse“ verschämt nur im hintersten Eck publizieren dürfen… Wir danken für dieses neujährliche Musterbeispiel der verfolgenden Unschuld. Ein kleine Draufgabe ist, dass die „gegenwärtige politische Diskussion um die Friedfertigkeit des Islams“ von den mündigen Bürgern ihrer Art durchschaut wird. Also ist auch die politische Meinung gegen unsere „Kritiker“, nicht zu vergessen vermutlich auch die in Deutschland zur Zeit öfters beschimpfte „Lügenpresse“. Es geht – nebenbei – also nicht nur um den „orthodoxen Islam“ – was immer das sein mag – der Islam insgesamt ist gemeint.

Dass sie vielleicht einfach keine Ahnung über islamische Dinge haben, kommt den Herren nicht in den Sinn. Dass „freiheitsliebende Muslime“, von denen es viel mehr gibt (übrigens auch Musliminnen) als den Herren bekannt ist, von solchen Freunden besser die Finger lassen werden, ist für sie auch unvorstellbar. Letztlich geht es den Herren nicht um den Islam, eher wollen sie ihre Vorurteile äußerln führen. Dass sich „Die Presse“ immer wieder dazu hergibt, muss sie wohl mit ihrem journalistischen Gewissen abmachen.

Eine kleines Zusatzbeispiel für Ahnungslosigkeit: Dass KAICIID – was immer man auch darüber denken mag – ist keine „Missionsstation“. Dann müsste man sich ja damit beschäftigten, denken – vielleicht nicht frei, aber sachorientiert – und das ist anstrengend… Besser eingefroren bleiben im Eis der Ahnungslosigkeit.

Ach ja, dem Leitartikel im „Spiegel“ vom 20.12.2014 können wir entnehmen, dass das Neue von anderen innerstaatlichen Kriegserklärern wie den Pegida-Demonstrationen ist, dieses ist: „Landläufig als ’normal‘ gelten Bürger finden nichts Abstoßendes daran, sich mit […] zweifelhaften Gestalten zu mischen.“ In der selben Zeitschrift finden auf S.37 in einem Essay folgende Worte: „Das Paradoxon des Glaubens besteht darin, das s in ihm offenbar beides wurzelt. Einerseits kann er dem Individuum enorme Kraft und wahrhaftig frohe Botschaft sein; ein Wunder, weil er den Menschen aus der Unwissenheit führen kann, die in der Gewissheit seines Todes liegt. […] Andererseits: Was individuell rettend ist, kann kollektiv das Mörderische gebären.“ Auf dem Niveau lässt sich über Religion und Glauben ernsthaft reden. Das der „Presse“ liegt gerade beim Thema Islam weit darunter.

P.S.: Ob Hobbes diesen Missbrauch verdient hat, mag man bezweifeln.

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