Koran, Übersetzungen und die 33 Fragezeichen


In Österreich wird die Forderung erhoben, die Islamische Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) möge eine deutsche Koranübersetzung gewissermaßen approbieren, die dann als verbindlich in Österreich gelten und Interpretationen extremistischer Art entgegen wirken solle. Dies solle im neuen Islamgesetz festgeschrieben werden.
Sehen wir einmal davon, in welcher Form das kontrolliert werden soll: Verkaufsverbot in den Buchläden etc., Kontrollen an den Grenzen etc., am Flughafen Schwechat werden Personen, die ‚koranverdächtig‘ ausschauen, incl. Gepäck genauestens durchsucht…
Sehen wir einmal davon ab, dass andere bestehende islamische Religionsgesellschaften sicherlich begeistert sind, dass die von Ihnen nicht geliebte IGGiÖ bestimmen soll, was der wahre deutschsprachige Koran ist…
Sehen wir einmal davon ab, dass salafistisch Gesinnte schon nicht hinter ihnen missfallenden Imamen beten und sicherlich nicht den approbierten Koran goutieren…
Sehen wir einmal davon ab, dass dschihadistisch geneigte Jugendliche nicht so interessiert sind an den Feinheiten der Koranübertragung und häufig eher religiös analphabetisch sind, ist diese Zielgruppe wohl kaum mit dieser Maßnahme zu erreichen…
Ignorieren wir einmal, dass es nach traditioneller Zählung über 80 Disziplinen gibt, die sich mit dem Text des Korans befassen. Ignorieren wir auch einmal – neben dem Koran gibt es ja auch noch einige andere Sachen –, dass es z. B. keine anerkannte deutsche Übersetzung der Hadithe (auch der schiitischen) gibt (sehen wir einmal von Teilübersetzungen ab: die umfangreichste von Khoury). Völlig radikalisierungsunverdächtig?
Lassen wir einmal die Frage beiseite, ob es eine Koranübersetzung geben kann; unter diesem Titel wird die Sache halt diskutiert. Wenn wir berücksichtigen, dass jede Übersetzung bereits Interpretation ist, kann der Begriff stehen bleiben.
Wenn nun die IGGiÖ zur Approbierung schreiten sollten, hat sie reichlich Auswahl. Machen wir eine kleine Tour durch die deutschsprachigen Koranübersetzungen (ohne Anspruch auf Vollständigkeit). Salomon Schweiggert, bekannt für seine Reisebeschreibung, hat 1616 „Al-Koranum Mahumedanum: Das ist Der Türken Religion, Gesetz und Gotteslästerliche Lehr“ (so die Ausgabe 1659) publiziert, eine Übersetzung einer italienischen Übersetzung, die auf einer lateinischen beruht; 1703 übersetzte David Nerreter eine weitere italienische Übersetzung; 1748 kam eine weitere Übersetzung heraus, nach einer englischsprachigen, von Theodor Arnold; apart auch David Friederich Megerlins Übersetzung mit dem Titel „Die türkische Bibel, oder des Korans allererste teutsche Uebersetzung aus der Arabischen Urschrift“ (1772), von wohl Goethe als „elende Produktion“ abgefertigt; Friedrich Eberhard Boysen brachte 1773 eine Übersetzung heraus mit dem schönen Titel „Der Koran, oder Das Gesetz für die Moslemer, durch Muhammed den Sohn Abdall.“ (Ausgabe 1775), später überarbeitet. Spaß beiseite, Versuche, den ästhetischen Wert des Korans in die deutsche Sprache zu übertragen unternahmen Augusti, Joseph von Hammer-Purgstall und Friedrich Rückert mit einer Auswahlübersetzung, die auch heute noch greifbar ist. Greifbar ist auch Ludwig Ullmanns Übersetzung (1840), später überarbeitet; Max Hennings bekannte Übersetzung, weil bei Reclam erschienen, wurde 1901 publiziert, später von Murad Hofmann überarbeitet, ist in keiner Version philologisch zufriedenstellend; Lazarus Goldschmidt publizierte 1916 eine sprachlich recht unebene bis unbrauchbare Übersetzung, die immer noch erhältlich ist, da sie gerne im Billigsegment des Buchmarktes wieder aufgelegt wird; die Ahmadiyy­a brachte 1939 eine erste deutschsprachige Übersetzung heraus, die mehrfach überarbeitet wurde; 1966 kam die wissenschaftliche Standardübersetzung für den deutschsprachigen Raum heraus, von Rudi Paret erstellt und leicht kommentiert, nur leider schwer lesbar für Nichtwissenschaftler und in völliger Abwesenheit eines Bewusstseins der ästhetischen Strukturen des Korantextes; die Übersetzung von Adel Theodor Khoury (mit Muhammad Salim Abdullah), die Langfassung mit Auszügen aus Korankommentaren (zuerst 1987) und dadurch durchaus erhellend, eher am sunnitischen Mainstream orientiert; in den 1980ern erschien auch die durchaus lesbare Übersetzung von Nadeem Elyas und Frank Bubenheim, die in der Vollverfassung kleinere Kommentare und Erläuterungen enthält, von saudischen Religionsministerium beauftragt; Muhammad Ahmad Rassoul hat 1986 die zweisprachige, arabisch-deutsche „ungefähre Bedeutung des Al-Qur’an Al-Karim in deutscher Sprache“ publiziert (der Titel verweist auf die Diskussion um die Übersetzbarkeit), die methodisch und stilistisch eher schlecht ist, später auch monolingual erschienen (übrigens leicht überarbeitet von salafistischer Seite in Umlauf gebracht und textgeschichtlich in Verbindung mit derAhmadiyya-Übersetzung); Ahmad von Denffers Übersetzung stammt aus den 1990ern und bemüht sich teilweise um wörtliche Übersetzung, was der Lesbarkeit nicht unbedingt gut tut, ist wohl beeinflusst von früheren Übersetzungen; 1999 übersetzte der Germanist Moustafa Maher für die al-Azhar, diese Übersetzung ist flüssig zu lesen, philologisch aber nicht so recht befriedigend; Amir Zaidan brachte 2000 eine Übersetzung heraus, die viele arabische Begriffe stehen lässt und damit für Nichtkundige schwer zugänglich ist, dadurch aber auch manchmal für Nichtkundige überraschende Erläuterungen enthält; im SKD Bavaria Verlag München erschien eine mehrbändige Koranübersetzung, die von einer Gruppe deutscher Musliminnen unter Leitung von Fatima Grimm erstellt wurde; sie bezieht sich auf eine Reihe von Korankommentaren in diversen Sprachen; Hans Zirker bracht 2003 eine Übersetzung, die philologisch fundiert ist, lesbar bleibt und doch im Sprachduktus eine Nähe zum arabischen Originaltext sucht; Lamiya Kaddor und Rabeya Müller publizierten 2008 eine Auswahlübersetzung mit dem Titel „Der Koran für Kinder und Erwachsene“; 2009 erschien die Übersetzung von Ahmad Milad Karimi, die den Koran eher als ästhetische und poetische Erfahrung zu vermitteln versucht; auch 2009 erschien eine Sekundärübersetzung der englischen Koranübersetzung von Muhammad Asad, die Auszüge aus Kommentaren enthält und natürlich von seiner Sichtweise geprägt ist, trotz Sekundärübersetzung aber durchaus verlässlich; Harmut Bobzins Übersetzung, erschienen 2010, ist gewissenhaft und problembewusst, sprachlich durchaus lesbar, mit Kommentarteil; 2011 erschien der erste Band des Handkommentars mit eigener Übersetzung von Angelika Neuwirth, die in ihrer Perspektive des Korans als Text der Spätantike steht, ein avanciertes Projekt, das noch lange nicht abgeschlossen ist. Viele andere Teilübersetzungen aus dem Koran finden sich in islamwissenschaftlichen Studien unterschiedlicher Art, in arabisch-sprachwissenschaftlichen Studien. Wir könnten andere Übersetzungen hinzufügen: die ebenfalls aus dem Kreis der Ahmadiyya stammende von Sadr-ud-Din, die als recht ungenau gilt; die online einsehbare von quranenquell.de ohne identifizierbare Autoren, eher poetisch orientiert u.a.m. Dazu kommen immer wieder erwähnte laufende Projekte…
Was sind die Maßstäbe, um aus diesem reichlichen Angebot auszuwählen? Gibt es überhaupt irgendeine Art objektivierbarer Kriterien? Und wer prüft diese und wendet sie auf den Text der Übersetzungen an? Fragen über Fragen…
Bedenken wir, dass viele Muslime und Musliminnen sich um ein zeitgemäßes Verständnis des Korans bemühen, erscheint es um so merkwürdiger, eine existierende Übersetzung als verbindlich zu deklarieren und weiteres Forschen und Denken über das Verständnis des Korans zu unterbinden. Das würde den Koran – deutschsprachig (nur in Österreich) – zu einem „toten Buch“ machen, nicht zu einem „lebendigen Buch“. Sind sich diejenigen, die solche Forderungen bewusst, dass sie Bestrebungen abschneiden, „Schulen der Koraninterpretation zu entwickeln, die die besten klassischen exegetischen Methoden mit moderner Gelehrsamkeit verbinden“, so das International Institute of Qur’anic Studies. Die literalistische Abgeschlossenheit ist allerdings eher ein Charakteristikum fundamentalistischer und oft extremistischer Strömungen in allen Religionen.
Wer sich über die Schwierigkeit der Übertragung des Korans informieren möchte, möge Stefan Weidners Rezensionsartikel aus dem Jahre 2010 lesen: Der Mensch ist nicht aus Tesafilm gemacht. Zuletzt ein Zitat (ebenfalls von Stefan Weidner): „Es gibt keinen misslicheren Weg, den Islam verstehen zu wollen, als den Koran in einer deutschen Übersetzung zu lesen.“

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