Es holt mich doch immer ein…


Manchmal kommen Gedanken aus einer unerwarteten Ecke. Ein Magazin, das verspricht „Das Beste am Wochenende“ zu liefern. Eben dieses Magazin hatte jetzt einen Artikel mit der schönen Überschrift „Nichts im Kopf?“. In einem dort zitierten Interview sagt ein interviewter Autor:

„Man lässt über alles ein Stichwort fallen, man imponiert durch Schlagworte, und man hat Angst davor, ein Problem zu durchdringen. Schnelle Antworten übertünchen oft das eigentliche Problem“.

Nun wird durch politische Eilmaßnahmen und Generierung von Stichworten im Zusammenhang mit dem Phänomen „Islamischer Staat“ sehr viel übertüncht und die Angst beruhigt, zu den eigentlichen Problemen durchzudringen. Als probates Mittelchen gegen solche Ängste können aber auch Vorurteile dienen. Und deren werden etliche über den Laufsteg geführt.
Thomas Kramar, seines Zeichens bei der Tageszeitung „Die Presse“ tätig, führt das erste Vorurteil vor (15.9.2014): 1) Der Westen habe natürlich keine „Mitschuld an den IS-Gräueln bei sich zu suchen“. Details wie die völlig desaströse Irak-Politik (und falls es der Herr Kramar nicht weiß, der Vorläufer des IS ist als Folge dieser Politik entstanden), gefolgt von der desaströsen Syrien-Politik der USA und der EU (natürlich waren andere Mächte auch beteiligt; aber es geht hierum Herrn Kramar), die wohlwollende Patronage ‚des Westens‘ für Diktatoren und Alleinherrscher, Eliten aller Arten im Südwesten Asiens und in Nordafrika, wie das kleine Detail, dass ‚der Westen‘ anno Peschawar arabische Freiwillige durchaus unterstützt hat (dumm nur, dass daraus auch al-Qa’ida entstand, bei der auch ein Abu Mus’ab az-Zarqawi köpfen lernte, Chef der Vorläuferorganisation des IS; es kann einem schon etwas entgehen im Redaktionsalltag…), davon schweigen wollen wir auch nicht, dass die Konstruktion von Staaten nach dem 1. Weltkrieg, um die europäischen Einflusssphären zu sichern, auch nicht ganz unschuldig ist an der Misere.
Aber es ginge dann ja um das Durchdringen zu den Problemen. Wollen wir nicht. Herr Kramar scheint – wie viele – zu verwechseln, dass die Suche nach Ursachen nicht bedeutet, jemanden zu entschuldigen. Also kommen wir zu: 2) Es werden einmal wieder Distanzierungen von Muslimen bzw. Moslems (Musliminnen haben es wirklich leichter, scheint mir) eingefordert – diesmal eben von IS. Es ist wirklich merkwürdig, Leute, die durchaus in der Lage sein sollten, eine Suchmaschine zu bedienen, sind wirklich nicht in der Lage, vor dem Verfassen eines Kommentars solches zu tun. Stichworte fallen zu lassen, ist halt einfacher. Ein kleiner Tipp für den arg beschäftigten Herrn: Es gibt in Österreich eben solche Erklärungen und viele andere – ich bin heute generös und würde ihm diese übermitteln. Kommen wir zu 3) und damit zu den Schlagworten. Wir sind ja liberal, so lassen wir eine andere Person sprechen:

„Eine objektive Lektüre des Koran hinterlasse „den Eindruck, dass der Frieden des Islam ein Frieden der Unterwerfung ist“, schrieb der niederländische Schriftsteller Leon de Winter unlängst, der Islam wolle „die Welt entsprechend den Werten eines Warlords aus dem siebten Jahrhundert neu ordnen“. Eine extreme Aussage. Aber sie muss möglich sein, darf nicht als Verhetzung abqualifiziert werden.“

Abgesehen davon, dass ein Schriftsteller zitierenswert ist der allen Ernstes eine ‚objektive Lektüre‘ – in diesem Falles des Korans – schreibt, wohl kaum um das Handelsgewicht von Worten weiß. Wenn er darum weiß, ist seine Aussage nicht extrem, sie ist perfide. Er behauptet objektiv zu sein, um dann einen Warlord einzuführen, ein durch und durch moderner Begriff, der, wenn er bewusst gewählt wurde, durchaus hetzerisch wirkt. Aber der zitierende Journalist hat es ja nicht selber gesagt… Und zur Wiederholung, ein winzig kleines Stückchen der Auslegungstradition und der modernen Koranauslegung widerlegt die Forderung des Herrn Journalisten sofort. Aber dann müsste man ja etwas wissen, mit Worten zuschlagen ist besser…
Dass 4) der Herr Journalist den Unterschied zwischen dem Status des Korans im Islam und der Bibel im Christentum nicht kennt, verwundert nicht mehr. Und dass auch hier ein Schlagwort herausgewühlt wird, um nicht nachzudenken, desgleichen: diesmal ist es die „historisch-kritische Methode“. Ach, ich mag nicht mehr…
Leider mögen andere noch. Herr Christian Ortner, der ein Blog betreibt mit dem Titel „Das Zentralorgan des Neoliberalismus“ (Aufgepasst! Wir sind lustig!), fühlt sich auch getroffen und für schuldig befunden. Das hat leider einen Kommentar erzeugt (18.9.2014).
Er schmeißt einige Zitate zur Frage nach den Ursachen des europäischen Dschihadismusphänomens munter zusammen und verkehrt die Suche nach Erklärungen in eine Suche nach Schuld, die simple Frage nach den Gründen, aus denen aus unseren Gesellschaften, auch aus der des Herrn Ortner, Menschen hervorgehen, die Gräueltaten wie die des IS (und auch andere) gut finden und begehen, wird von ihm in die Frage nach Schuldzuweisung verdreht. Dann streuen wir noch allerlei flapsige Bemerkungen drüber, beschwören den Islam als „Kriegsreligion“ herauf – Elias Canetti hat im lesenswerten „Masse und Macht“ halt auch zweifelhafte Dinge geschrieben – und ab geht die Post. Wo geht sie hin? Zu Leon de Winter: Der wird mit damit zitiert, es sei der „Islamismus der Faschismus des 21. Jahrhundert“. Und diesem ‚Faschismus‘ werde man nicht mit friedlichen Mitteln (ich paraphrasiere etwas) in den Griff bekommen.
Denn der Islam lässt die „destruktiven Neigung des Menschen“ zu beherrschen, so Herr Ortner, der wieder einmal Islamismus und Islam in einen Topf schmeißt. Also, wenn der Islam so kriegerisch ist etc. und Muslime (und Musliminnen) daran glauben,was soll man dann mit ihnen machen?! Darüber schweigt Herr Ortner.
Worum es auch geht, sagt uns das zenrale Organ des Neoliberalismus, wenn er schreibt, dass die Mordbrenner des IS darum töten, „weil sie es können, weil sie es wollen und weil es ihnen Lust bereitet“. Das dschihadistische Individuum entscheidet sich so zu handeln, weil es so will, die neoliberale Monade, also sind alle anderen entschulden. Nur bei MuslimInnen wird die Individualität dann doch wieder aufgehoben – durch den Islam. Ach, die Logik des zentralen Organs deutet eher auf eine Organstörung namens Vorurteil, Symptom: vehemente Schalgwortitis.
Das Binnen-I bringt mich zum dritten dieser illustren Reihung.
Konrad Paul Liessmann, vielfältig schreibender Philosoph, fühlte sich auch berufen über Schuld zu schreiben (20.9.2014). Natürlich auf höherem Niveau als manche zentralen Organe. Auch ihm geht es darum zu räsonnieren, warum der Mensch Verantwortung für seine (und ihre) Taten zu übernehmen habe. Auch er macht sich weidlich lustig über den Versuch, Erklärungen für das Phänomen IS und dessen AnhängerInnen in Europa zu finden, für dessen Ursachen. Auch für ihn geht es darum, den einzelnen Individuen an seine Schuld zu erinnern. Wir erleben auch hier – auf anderem Niveau als zuvor – die Konstruktion einer Monade, die unabhängig sozialer Kontexte agiert.
Also lassen wir, so die Summe aus den unerquicklichen Lektüren, das Suchen nach Ursachen, die das Problem hervorgebracht haben. Wir kümmern uns nicht darum, dass die Gefahr eingedämmt wird. Wir haben die Schuldigen, sie gehören bestraft. Damit sind wird aus der Verantwortung entlassen. Oh, ist das Geschreibe vielleicht nur eine Projektion, der eigenen Schuld (oder des Schuldgefühls)…
Nebenbei bin ich durchaus der Meinung, dass die Taten der Mitglieder des IS bestraft werden müssen. Nur bin ich auch der Meinung, dass die Ursachen beseitigt werden müssen. So einfach sollten wir es uns nicht machen.

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