Ein Virus ist schon ärgerlich genug…


Zuerst erwischt man einen netten Virus, der einem das Wochenende verdirbt. Dann fängt man an, um die Zeit herum zu bringen, diverse Sachen zu lesen, auch Zeitungen – und leider auch Buchbesprechungen. Den Tiefpunkt erreicht die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ mit einer solchen in der Ausgabe vom 11.01.2014 mit dem Titel „Der Prophet in Brüssel“. Was lesen wir?
Eingangs wir der Verfall Europas wieder einmal beschworen. Einer der Gewährsmänner ist u. a. der Herr Sarrazin. Zur demographischen Krise wegen Überalterung komme „die absehbare Verschiebung der Zusammensetzung der Gesellschaft, die dazu führen kann, dass sich die einheimische Mehrheit bald als Minderheit unter Minderheiten wiederfindet.“ Abgesehen davon, dass die Zusammensetzung der Bevölkerung eher ändern soll… Aber lassen wir stilistische Fragen. Das „kann“ dieses Satzes wird dann mit einem Zitat zu einem sicheren „wird“. Zitiert wird Bernard Lewis, präsentiert als namhafter „Doyen der Islamwissenschaften“. Dass besagter Bertrand Lewis seit langer Zeit eher nur noch als akademischer Stichwortgeber einer Richtung der US-Außenpolitik ist, weiß vermutlich der werte Rezensent nicht. Oder will er nur einen weiteren Gewährsmann? Aber er hat ja in einem seiner Bücher die besprochene Autorin (s.u.) zitiert, muss er wohl hier hinein. Oder weiß der Rezensent auch davon nichts und braucht nur das kommode Zitat? Selbst Lewis hat sich übrigens einmal etwas distanziert von der besprochenen Autorin, aber auch darüber muss man etwas wissen. Und mit Wissen ist es so eine Sache, erfordert Reflexion usw….
Nach dieser kleinen Vorbereitung, kommt der Rezensent zu seiner Sache: „Da es sich beim Islam um eine wenig friedfertige und wenig tolerante Religion handelt, beschleicht die Angst vor einer Islamisierung immer mehr Bürger.“ Und dann kommt als besondere muslimische Heimtücke, dass „den Muslimen durch göttliche Offenbarung die wie immer geartete Missionierung der Welt aufgegeben ist“. Etwas holprig, aber der Gedanke ist klar: Die Europäerinnen produzieren nicht genug Kinder – also droht die muslimische Mehrheit – Islam ist gewalttätig – Muslime (die Musliminnen scheinen für den Herrn Rezensenten nicht existent) missionieren ‚wie auch immer‘ (die Gewalt ist nicht explizit genannt, wird aber den Lesenden mehr als nahe gelegt durch den voranstehenden Satz). Und es gibt Autoritäten, die das bestätigen!!! Sogar eine, die wirklich etwas „vom Islam“ versteht:
Nach der Errichtung der so grob gezimmerten Bühne, beginnt das Schauspiel. Vorhang auf für das besprochene Buch! Verfasst von Bat Ye’or, einer einstmals irgendwie als Historikerin tätigen Autorin, inzwischen aber Stichwortgeberin der antimuslimischen Szene. Warum der Rezensent es unterlässt, auf ihren recht bekannten tatsächlichen Namen hinzuweisen, ist recht unklar. Vermutlich klingt es besser: Wer ‚Tabus‘ bricht, muss ein Pseudonym benutzen… Ihre Werke gehörten, so der Rezensent, zu „den Standardwerken über den Islam“. Da der Rezensent keinerlei Kenntnis über fachliche Dinge hat, sei etwas über ihre Werke zitiert. Der auf dem Gebiet, auf dem sich die Autorin umtut, wirklich namhafte israelische Historiker Joel Beinin ist recht deutlich in der Klassifizierung der Produkte von Bat Ye’or als einen Revisionismus, der das eher positive Bild der Geschichte des Judentums in Ägypten bewusst umdrehen will. Also eine geschichtspolitische Intervention, weniger ein hostorisches Werk. Dazu müsste man über den Kontext etwas wissen… Michael Sells, tatsächlich ein namhafter Historiker der islamischen Geschichte (über die Kategorie „islamische“ Geschichte wäre auch etwas zu sagen, aber nicht an dieser Stelle), schrieb einmal treffend, Bat Ye’or konstruiere einen „unfairen Vergleich“ zwischen Europa und dem Islam, der einen wissenschaftlich abgewogenen Vergleich schlicht unmöglich mache. Um die Aufzählung abzuschließen, sei noch eine durchaus um Wohlwollen bemühte Rezension noch eines fachlich ausgewiesenen Kollegen zitiert. Dieser Schreibt in seiner Rezension zu Bat Ye’ors „The Decline of Eastern Christianity under Islam“ von der „theoretische Unzulänglichkeit der interpretativen Konzepte“ und den „Mangel an historischer Methodik in der Entfaltung der Dokumente, die als Beleg für die in der Studie gezogenen Schlüsse“ dienen. Sidney Griffith, dieser Rezensent, verweist auch darauf, dass er auf dem Buchrücken eines der Werke von Bat Ye’or sinnentstellend zitiert worden sei. Er habe auch in der dort zitierten Rezension den Mangel an historischer Methodik geschrieben.
Das ist also die Qualität der „historischen Belege“, von denen der „Presse“-Rezensent schwärmt. Kurzauftritt der „multikulturellen Ideologie“, die durch diese qualitätsvollen Belege gestört sei.
Und jetzt kommen wir zum Buch… Es handelt sich um „Europa und das kommende Kalifat“. Dass das erste Zitat, das der Rezensent bringt, eher zeigt, dass die Autorin der Kenntnis der Begriffsgeschichte des Dschihad wie auch der Stiftung im islamischen Kontext entbehrt, ist dem Rezensenten vermutlich nicht aufgefallen.
Gastauftritt Muslimbrüder. Die Autorin erwähnt – anscheinend – dann das islamische Zentrum in München, dessen Geschichte in den letzten Jahren einige Bücher hervorgebracht hat. An diesem Beispiel zeige die Autorin die europäische Politik gegenüber den „islamischen Ländern des Mittelmeers respektive des Nahen Ostens“. Dann macht wohl der Rezensent eine kleine Einschränkung. Er spricht nur noch von der Rolle der deutschen (Alt-)Nazis in der Zusammenarbeit mit dem genannten Zentrum. Damit wird die beliebte Konstruktion des ‚Islamofaschismus‘ etwas aufgewärmt. Dummerweise finden sich in dem vom Rezensenten (oder ist’s die Autorin, etwas unklar) angeführten Buch über das Münchener Zentrum etliche Passagen über die US-Politik. Aber da wäre die schöne binäre Weltsicht futsch: Das offizielle Deutschland pro-USA und pro-Israel, das inoffizielle antisemitisch und antiamerikanisch. „Antiamerikanisch“ an der Seite der USA hätte nicht so gut geklungen. Und der Fokus auf Europa hätte auch nicht so gut funktioniert.
Denn darum geht es eigentlich wohl. Neben der unzulänglichen Geschichtsschreibung zu nicht muslimischen Minderheiten in der muslimisch geprägten Welt ist ein anderer apokalyptischer Gaul, den die Autorin reitet, der mit Namen „Eurabia“, die fantasierte Arabisierung/Islamisierung Europas. Und wir erfahren wirklich erschütternde Dinge: Die EU hat Kontakte zur Organisation Islamischer Konferenzen, einer anderen supranationalen Organisation.
Diese betone „besonders den Kampf gegen die ‚Islamophobie‘, den die EU freudig unterstützt und durch vermehrte islamische Migration nach Europa nachhaltig bestärkt.“ Also die EU betreibt – „freudig“ – aktiv die Einwanderung von Muslimen (ich nehme an, Frauen sind auch diesmal nicht von Interesse) nach Europa, um den Kampf gegen die Islamophobie zu fördern? Weil dann ja dann die Zusammensetzung der Bevölkerung gekippt wird etc. pp. (s. o.)…… Wenn ich dies Konstrukt richtig dechiffriere. Und noch weiter: „Der wichtigste Beitrag der EU zu einer gemeinsamen Zivilisation ist seit Jahrzehnten die Durchsetzung des Multikulturalismus und der Diversität, um die europäischen Nationalstaaten zu schwächen respektive zu überwinden.“ Nicht nur Gurken und LED-Leuchten sind das Werk sinistrer Eurokraten. Ist es nicht schön, diese tiefschürfende Erkenntnis. Das Konstrukt wird von der Autorin, so der Rezensent, „akribisch belegt“. Die Akribie mag man sich angesichts der obigen Anmerkungen lieber nicht vorstellen.
Kurzum: Es geht um eine wüste Verschwörungstheorie und -theoretikerin, die vom Rezensenten der „Presse“ zu einer seriösen Autorin hochgelobt werden soll.
Interessant zu welch Desinteresse an Seriosität sich – nach Eigeneinschätzung – „Qualitätszeitungen“ versteigen, wenn es um islambezogene Themen geht. Dass jetzt „Die Presse“ krude Verschwörungstheorien abfeiern lässt, dürfte doch wirklich ein Tiefpunkt sein. Na ja, ich will nicht zu optimistisch sein.

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