Es ist wohl zu heiß…


Bei manchem Wetter sollte man keine Interviews führen…

Eigentlich ist es auch zu heiß, um auf so etwas zu reagieren……

Also in der gebotenen Kürze: In der „Presse“, die behauptet eine Qualitätszeitung zu sein (nach diesem Interview fragt man sich, von welcher Qualitätstufe), ist ein Interview publiziert worden (die Namen seien lieber verschwiegen) mit dem Titel „Wie viel Reform braucht der Islam?“. Wenn nicht jemand interviewt wird, der/die in religiösen Fragen bewandert ist, schon ein Hinweis darauf, was kommt.

Der Inteviewer beginnt damit, dass nach einer „jüngsten Meinungsumfrage“ (solche unqualifizierten Bezugnahmen sind ähnlich gut wie die berüchtigten „Studien“), nach der die Hälfte aller Deutschen Angst vor dem Islam habe: Ob dies auch für Österreich zutreffe?

Richtig interessant wird es, als der Interviewer anfängt mit dem „Mehrheitsislam“. Sei dieser mit Demokratie und Rechtsstaat vereinbar. Konkreter heißt das: Ist die Mehrheit der Muslime und Musliminnen fähig, in einem demokratischen Rechtsstaat zu leben. Antwort des Interviewten: „Nein.“ Ob ihm so klar ist, dass er, ein Vertreter einer Initiative Liberaler Muslime, damit die Mehrheit der europäischen MuslimInnen unter Generalverdacht stellt, kann ich hoffentlich bezweifeln.

Es wird viel von Terroristen, Muslimbrüdern, Salafisten, radikalen Islamisten etc. gesprochen, ohne dass irgendein konkretes Wort fällt. Es wird ein diffuses Bild der Bedrohung erzeugt, dass der eingangs zitierten deutschen „Mehrheit“ das Wohlgefühl vermittelt, wir haben Grund zur Angst.

Was immer, man von der konkreten Politik der Muslimbrüderschaft halten mag, es ist schlicht falsch sie zur „ideologischen Triebfeder“ des Terrorismus zu machen. Dschihadisten beziehen ihr ideologisches Repertoire aus anderen Quellen. Das ist ernsthafter Dschihadismusforschung zu entnehmen. Wer genauere Informationen zu den Muslimbrüdern (auch in Europa möchte) sei auf Roel Meijer/Edwin Bakker: The Muslim Brotherhood in Europe oder Alison Pargeter: The Muslim Brotherhood verwiesen. Man könnte auch andere Bcher lesen, z. B. Brynjar Lia: The Society of the Muslim Brothers in Egypt, wo – anders als in besagtem Interview – als Triebkraft des Erfolgs der Muslimbrüder benannt wird,

„ihre Fähigkeit, Themen, die üblicherweise mit Reaktion und Zurückgebliebenheit in Verbindung gebracht werden wie islamische Rechtsvorschriften der öffentliche Moral mit nationalen Themen wie nationaler Unabhängigkeit und Entwicklung zu bringen.“ 

Egal, was man von der Muslimbruderschaft halten mag, etwas ernsthafte und genaue Auseinandersetzung ist schon erforderlich. Dass al-Sawahiri, als derzeitiger Chef von al-Qaeda, zu jemandem wird, der der Hamas direkte Anweisungen gibt, die sich in der Realität mit Dschihadisten Schießereien liefert, ist schon skurril. Der Dschihadismus ist ein zu ernstes Problem, um mit dieser Qualität abgehandelt zu werden.

Also die Mehrheit der MuslimInnen sind verdächtig, potentiell gefährlich, gehören sie der älteren oder jüngeren Generation an.  Der Interviewer kommt zum Finale. Das  muss zitiert werden:

„Müssen die Einwanderungsgesetze geändert werden – und sollen radikale Islamisten ausgewiesen werden, selbst wenn sie einen europäischen Pass besitzen?“ Die Antwort: „Sicher.“

Der Interviewer ist also zum Ziel gekommen. Wir haben erfahren, dass potentiell alle muslimischen EuropäerInnen radikale Islamisten sind. Und mit dieser Frage gibt der Interviewer (und der Interviewte) europäische BürgerInnen zur Deportation frei, falls sie die falsche religiöse Überzeugung. Wunderbar!

Das Interview kann damit als Musterbeispiel von Panikmache und Angsterzeugung gelten. Ein ernsthafter Terrorismusforscher hat es so formuliert:

„Welcher Art sind die Botschaften, die Terroristen übermitteln? […] Was die […] Frage betrifft, so wird sie in der Literatur dahingehend beantwortet, dass die Terroristen mit ihren Gewalttaten darauf abzielten, Furcht und Schrecken zu verbreiten, die jeweils betroffene Bevölkerung zu verunsichern und das allgemeine Vertrauen in den Staat und seine Fähigkeit, die bestehende Ordnung zu schützen, auszuhöhlen.“

Dieses Interview übermittelt genau die Botschaft, die Terroristen zu übermitteln versuchen. Wer glaubt, aus einer Lage, die zur Vorsicht Anlass gibt, publizistisches Kleingeld zu schlagen, betreibt letztlich das Geschäft der Terroristen.

Der „Presse“ ist zu gratulieren, solcher Panikmache Raum zu geben.

Ach ja, über die Reform des Islam oder liberalen Islam erfahren wir eigentlich nichts. Außer die politischen Stellungnahmen machen den Gehalt des letzteren aus… Dann wäre dieser liberale Islam nur ein politischer Islam.

Ach, eigentlich ist es zu heiß für so etwas.

 

 

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