Manchmal…


Manchmal ist es besser, die Zeitung von gestern als das zu behandeln, was sie ist: Altpapier. Manchmal vergisst man aber auch, sie rechtzeitig zu entsorgen. Dies ist Ungemach ist mir widerfahren. Und so habe ich doch noch einen Blick in den Artikel „Beruf: Märtyrer“ von Michael Ley in Die Presse vom 9. Februar 2013 geworfen. Es ist immer wieder verblüffend mit welch geringen Kenntnissen man sich als Kenner der arabischen oder wahlweise der islamischen Welt aufspielen kann. Manchmal (noch einmal!) fragt sich der geplagte Islamwissenschaftler, wozu sich die Mühe machen, Quellen zu studieren, Unterhaltungen zu führen, irgendwohin zu reisen, gar zu denken… Es geht doch auch einfacher. Ein Experte ist man doch schon, wenn man nur so tut, als koche man mit Wasser. Wohin könnte man eigentlich die ganzen Experten exportieren?
Nun denn: Dass man ohne Arabischkenntnisse (oder auch Türkisch- oder Persischkenntnisse, von Urdu, Bahasa Indonesia will ich gleich schweigen) trefflich über islamische Dinge schwadronieren kann (sogar mit akademischem Anspruch, aber das ist hier nicht das Thema), ist offensichtlich.
Trotzdem will ich noch einen Versuch wagen: Der Begründer der Strömung des Wahhabismus hat einen Namen, den man richtig schreiben kann: Muhammad ibn ‚Abd al-Wahhab.
Was finden wir nun im Artikel von Ley? Der Anfang ist vielversprechend: „Ibn Abd al-Wahab“. Wir können ein leichtes Bemühen um das arabische Namenssystem erkennen. Aber einige Zeilen später geht es abwärts: „al-Wahabs“ lesen wir. Seien wir nicht beckmesserisch. Das Doppel-h wollen wir dem Autoren nachsehen (wenn mich auch die Aussprache, die dabei herauskommt, schaudert). Dass der Herr Experte nicht weiß, woher der Namensteil ‚Abd al-Wahhab (oder al-Wahab, meinetwegen) kommt. Er weiß natürlich nichts von den Namen Gottes – wäre auch ziemlich viel verlangt von Experten – und auch nicht, was dann als Namensbestandteil vorgeschaltet wird. Dass „al-Wahab“ dann auch seinen Artikel verliert und zu „Wahab“ mutiert. Dass solche Namensverstümmelungen noch von einer seligen Ahnungslosigkeit in religiösen Dingen zeugen, kommt hinzu. Stellen wir uns einmal vor, Muhammad ibn ‚Abd al-Wahhab hätte sich tatsächlich einen Namen Gottes als Eigennamen zugelegt…
Die letzte Namenswandlung will ich nicht verschweigen. Wir lesen auch noch: „Ibn Abdul al-Wahab“. Manchmal (noch einmal!) würde selbst ein Blick in Wikipedia ausreichen, um den ärgsten Unfug zu verhindern.
Ach ja, der Kenner der islamischen, arabischen und saudischen Geschichte kategorisiert uns „al-Wahab“ (räusper) als: „der unbedeutende Prediger und Fanatiker“. Seine Zeitgenossen – dafür müsste man aber Quellen lesen, aber das haben ja Experten ja nicht nötig – werden das aber anders gesehen haben. Vielleicht könnte man ja seinen Lehrer im Hadith, Muhammad Hayya al-Sindi, als scheinbar unbedeutend qualifizieren. Aber selbst bei dem schaut es bei genauerem Hinsehen anders aus. Aber das sind Fachkenntnisse, gar Wissen, das natürlich für Experten unnötig ist. Die interessieren die großen Linien. Wie schauen die nun aus.
Anlass des Elaborates war die Eröffnung eines „König-Abdullah-Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ in Wien. Dass dieses Zentrum übersetzt „König Abdullah bin Abdulaziz
Internationales Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ heißt, ignoriert unser Fachmann naturgemäß. Uns wundert es nicht mehr. Anstößig ist, dass es von Saudi-Arabien finanziert wird. Und schon schließt die Logik unseres Experten kurz: Saudi-Arabien → Geld (Öl-Scheichs, eh böse) → Wahhabismus (Entschuldigung: Wahabismus) → das Böse → internationale Verschwörung → Gefahr für den Westen. Dass hier souverän die Konstruktion des Zentrums ignoriert wird, dass ein Board of Directors besteht, mit VertreterInnen aus diversen großen Religionen besetzt, die alle nützliche IdiotInnen sind, ist alles nur ein Dunstschleier vor der wahhabitischen Weltverschwörung. Dass auf dem Eröffnungssymposium unterschiedlichste Initiativen vorgestellt wurden, ist auch ohne das kleinste Interesse für unseren Experten.
Denn: es gilt das weltweit Böse zu entlarven in der Gestalt des Wahabismus. Dass unser Experte von jeglicher Kenntnis der Herkunft der so benannten Strömung aus einem größeren Ensemble von Transformationsströmungen des 17./18. Jahrhunderts chr. Z. unbeleckt ist, stört seine Darstellung der Entstehung dieser Strömung nicht. Richtig lustig wird es erst, wenn unser Autor verkündet, dass „Nationalismus, Panarabismus, Panislamismus, islamischer Sozialismus“ nie in Saudi-Arabien diskutiert worden seien – ganz abgesehen davon, dass der Panarabismus nicht so recht zu den „einflussreichen Strömungen der muslimischen Welt“ taugt. Aber: Was schert uns Logik! Wenn wir unseren Autor noch einmal mit Wissen belästigen dürfen: Saudi-Arabien ist komplizierter als er denkt. Über die Rolle saudischer Stiftungen ließe sich allerlei sagen, interessant ist nur, dass in den entsprechenden Absätzen eine Weltverschwörungsphantasie produziert wird, die es mit anderen aufnehmen kann.
Nun erfahren wir, dass Saudi-Arabien verfolgte Muslimbrüder aufgenommen hat. Vermutlich wären Sie für unseren Autor besser in ägyptischen Lagern verschwunden.
Diese unbestreitbare Tatsache führt die Assoziationen unseres Autoren in die Vergangenheit zurück: zur Gründung der Organisation der Muslimbrüder in Ägypten. Dass die Zeilen über die Muslimbrüderschaft völlig inadäquat sind und nur auf den Antisemitismus fixiert – natürlich taucht auch Hajj Amin al-Husseini auf wie das Springteufelchen aus dem Kästchen, verwundert nicht mehr. Es wäre auch zu viel verlangt, eine Kenntnis von der Geschichte dieser Bewegung zu haben – auf jeden Fall von Experten. Dass die Welt, auch die arabische, etwas kompliziert gewesen ist, kann man aus einschlägigen Studien wie der von Achar allgemein oder Wien über Iraq erfahren. Aber, igitt, da geht es wiederum um Wissen. Da bleiben unser Autor (und seine nicht genannten Gewährsmänner wie Küntzel et al.). Nachdem sich unser Fachmann etliche Absätze über Husseini ausgelassen und das Böse in Gestalt der Muslimbrüder mit dem Böen in Gestalt des Nazismus amalgamiert hat (seine Äußerung zu Fatwas sehen wir ihm nach, zu viel Wissen tut nicht gut), en passant noch Arafat abgewatscht hat, kommen wir zu der glorreichen Verknüpfung der disparaten Erzählstränge dieses qualitativ hochwertigen Elaborats: „Rückblickend betrachtet“ wird „al-Wahab zum Ahnherrn der Muslimbruderschaft“. Der geneigte Leser versucht, irgendwo einen Punkt in der ideengeschichtlichen Genealogie zu finden, den unser Autor uns genannt hätte. Ach: Vergebens! Es muss eine Inspiration sein. Dann können wir wohl bekannte Dinge übergehen. Dass der Hintergrund al-Bannas eher in der ländlichen Frömmigkeit (auch sufischer, so etwas aber auch) zu finden, so Gudrun Krämer in ihrer schönen, auch Experten zugänglichen Monographie, … wurscht. Dass Hasan al-Banna z. B. sich in seinem Buch über Dschihad auf Gelehrte aller Rechtsschulen bezieht und sich damit im Widerspruch zur Methodik vom Muhammad b. ‚Abd al-Wahhab bewegt, ist doch nicht so interessant… Hauptsache die Verschwörungserzählung stimmt, die unser Autor aus den einschlägigen jihadologischen und antimuslimischen Diskurswelten schöpft. Denn jetzt erwächst – ohne weitere Herleitung natürlich – aus Wahabismus und Muslimbrüdern der Islamismus. Das „Gift des Islamismus“ breitet sich überall aus, ein Topos, den wir nun aus vielerlei Verschwörungstheorien kennen. Eine Prise Totalitarismus gibt unser Autor hinzu. Damit das garstige Süpplein besser schmeckt.
Dann muss noch der Arabische Frühling abgewatscht werden. Die höchst komplexen Entwicklungen der sich revolutionierenden arabischen Welt, die noch längst abgeschlossen sind, werden von unser aller Experten auf die „politische Herrschaft der Muslimbrüder“ reduziert, damit das Weltbild stimmt.
Und – nachdem er uns so weidlich gequält hat – erfahren wir, worum es geht: Unser Autor will warnen: „vor einer Masseneinwanderung von Millionen junger enttäuschter und verbitterter Muslime“. Da haben wir des Pudels Kern, schön poliert: Verteidigen wir die Festung Europa! Gegen Muslime, die natürlich, was soll die Botschaft der vorherigen Ausführungen sonst sein, allesamt „wahabitisch“ und muslimbrüderlich infiziert sind. Geben wir die Überschrift hinzu, ist der Schluss nicht vermessen, dass unser Autor suggeriert, all diese potentiellen Flüchtlingen seien potentielle Märtyrer, sprich: Terroristen. Das hätte man auch kürzer schreiben können.
Zum Schluss fällt unserem Autoren ein, womit er angefangen hat. Ein Dialog der Religionen wäre ihm eigentlich wünschenswert, aber „angesichts der Geschichte des Wahabismus und der Muslimbrüder“, die zwar nirgendwo in nachvollziehbarer Weise dargestellt wurde, ist so etwas doch zweifelhaft. Die „Geschichte wiederholt sich…“: Nichts- oder eher vielsagende Verschwörungstheorien werden mit Geschichtsklittereien vermischt. Über ein Dialogzentrum sagt das überhaupt nichts aus. Wenn schon Kritik geübt werden soll, dann bitte mit mehr Qualität.
Manchmal sollte man alte Zeitungen wirklich am angemessenen Orte entsorgen.

Advertisements