Reisen sind manchmal eine Plage


Manchmal verirre ich mich auf Reiseseiten. Das ist manchmal auch ein Fehler. Die österreichische Tageszeitung „Die Presse“ hat am 19./20. 1. über ein höchst alternatives Reisevergnügen berichtet: Kreuzfahrtpassagiere werden auf dem Rad an Land unter die „Eingeborenen“ geschickt.
Und die koloniale Geisteshaltung feiert fröhliche Urständ. In diesem Fall hat Bahrain das Vergnügen – das zweifelhafte. Dass die Reisegesellschaft mit einer Polizeieskorte durch die Stadt jagt, verwundert die Autorin nicht…
Natürlich zeigt der Radreiseführer, neudeutsch: Bikemanager, „Highlights, die einheimische Reiseleiter sonst nicht zeigen“. Kara ben Nemsi, Entschuldigung, das war zu anderer Zeit, der den Orient besser zeigt als die Orientalen. Wow!
Unsere Reisenden „radeln durch die engen Souks“ und bekommen gezeigt, wie die Leute wirklich leben“. „So rechte Begeisterung mag allerdings nicht aufkommen, bei den Bahraini,“ nicht bei den Reisenden, die das authentische Leben ‚erfahren‘, die Einheimischen sind ja Staffage. Warum dieser Mangel. Die Reisegruppe bricht mitten ins Freitagsgebet auf einem Platz hinein. Da muss sogar der Reiseleiter zugeben, dass das ein „schlechtes Timing“ war. Die Autorin des Artikels gibt noch dazu, dass dem „ein Hauch von Dekadenz und Voyeurismus“ anhafte – eher ein heftiger, strenger und unagenehmer Geruch wohl eher. Wenn wir dann kurz danach erfahren, dass „die nackten Beine einiger Touristinnen in ultrakurzen Radlershorts“ „bestaunt“ würden, wundert uns die ‚mangelnde Begeisterung‘ schon gar nicht mehr. Der Radreiseführer erklärt, die TouristInnen bekämen auch vom „Respekt vor fremden Kulturen“ zu hören. Mit „Was die Teilnehmer dann daraus machen, ist ihre Sache.“ wäscht er seine Hände in Unschuld. Der Fahrtwind und die Sirenen der Eskorte machen das Nachdenken wohl schwierig.
Als kleines Häubchen auf diesem Artikel gibt es dann ein Bild, auf dem wir vermutlich den Radreiseführer sehen, der von einigen Männern vor einem Laden mürrisch betrachtet wird. Die Bildredaktion hat wohl etwas Sinn für Ironie bewahrt und untertitelt „die Begeisterung der Bahraini steht ihnen ins Gesicht geschrieben“. Nur, dass für diejenigen, die südasiatische und arabische Schriften voneinander unterscheiden können, was die Reisenden sicherlich nicht tun, der Verdacht nahe liegt, dass es sich hier um Arbeitsmigranten handelt und nicht um ‚authentische‘ Bahrainis. Aber Kara ben Nemsi kennt sich ja perfekt aus…
Was bleibt bei der Zeitungslektüre eigentlich noch übrig? Die Immobilienanziegen? Seufz.

Advertisements