Clash mit der Kultur


Herr Prüller hat seine Kultur wieder mit anderen zusammenprallen lassen (Die Presse, 20.11.2012, S.47). Das ergibt ganz aufschlussreiche Geräusche. Es geht um den Satz des Ressentiments „Na, das sollten sie sich einmal mit dem Islam trauen!“, zu dem er sich bereits geäußert hatte.
Herr Prüller gibt sich zuerst ausgewogen. Statt Einschränkungen des Praktizierens von Religion könne man lieber Schmähungen der eigenen Religion hinnnehmen. So sieht er es im Falle des Schweizer Minarettverbots. Und, schwupps, sind wir beim Islam.
Denn jetzt wird der „Chef einer wehrhaft gegen die Christenverfolgung in Nigeria auftretenden Gruppe“ zitiert, der nicht bereit ist, die andere Backe hinzuhalten. Im Klartext: Er wird gewaltätig. Herr Prüller dazu: „Das hat was.“ Und erklärt dann, dass er, wenn eines seiner Kinder erschlagen wird, auch nicht die andere Backe hinhalten werde. Also: siehe den christlichen Milizenchef in Nigeria. Nur zu verständlich, aber die Tünche der Zivilisiertheit platzt sehr schnell ab.
Die Zensur ist durchbrochen: Wenn „ihr“ meine Interessen bedroht, dann werde ich auch gewaltsam ‚wehrhaft‘ sein? Böse Lesart, aber sie springt mich so an. Vergessen wird von Herrn Prüller, dass in Österreich und in Europa Muslime hauptsächlich demonstriert haben (manchmal bei Splittergruppen mit widerlichen Parolen), also nichts, gegen das es sich ‚wehrhaft‘ zu verhalten gebe. Geschenkt, dass das syrische Regime Mengen gegen die berüchtigten Karikaturen demonstrieren ließ. Was für ein Regime das war und ist, sehen wir jetzt jeden Tag erneut. In Europa gibt es wenig Anlass christlich ‚wehrhaft‘ gegen Muslime zu sein. Und das „Na, das sollten sie sich einmal mit dem Islam trauen!“ wird erkennbar als: Wir wollen auch! Und das insbesondere gegen die ‚Anderen‘, über die man nur fantasiert, die ‚Anderen‘, die die einzige Wahl nicht treffen wollen, die wir ihnen oktroyiert haben.
Vielleicht sollte auch Herr Prüller erkennen, dass es gar nicht das Problem ist, ob die Wehrhaftigkeit gegen die ‚Anderen‘ gerechtfertigt ist. Es gibt nicht nur falsche Lösungen, es gibt auch falsche Probleme.
Nachdem er so offenherzig den verdrängten Untergrund seiner Friedfertigkeit aufgedeckt hat, beschwört Herr Prüller wieder die Wege, „die von zivilisierten (Hervorhebung von mir, d. Verf.) Gesellschaften ja genau für Überzeugungs-Kollisionen entwickelt worden sind: der Rechtsweg und das Mitreden“.
Seine Beispiele sind ein „Ad-Hoc-Komitee für Religionsfreiheit“ der us-amerikanischen Bischofskonferenz. Für die, die sich dafür nicht so interessieren: Die Bischofskonferenz hat unter diesem klingenden Namen ein Komitee mit Anwälten und Lobbyisten gegründet, weil die US-Regierung u. a. religiöse Hilfsorganisationen verpflichtet bei der HIV-Prävention Kondome einzubeziehen, wenn sie Geld von der Bundesregierung bekommen. Außerdem wendet sie sich dagegen, dass Antidiskriminierungsgesetze auch für Kirchenmitarbeiter anzuwenden sind – soweit es sich nicht um Kleriker handelt. Dazu geht es auch noch gegen die Neudefinition der Ehe, die bisher nur als Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau verstanden wird.
Dass das zweite Beispiel die Gehaltskürzung und Degradierung eines Briten ist, der sich gegen ein Gesetz über gelichgeschlechtliche Verpartnerungen in Kirchen ausgesprochen hat, ist besonders apart, wenn man zugleich es positiv findet, dass sich die US-Bischöfe dafür sind, dass in ihrem Hause Antidiskriminierungsregeln nicht zu beachten. War da nicht eine Geschichte mit Balken und Splittern? Dass dann noch der Schlüsselbegriff „politisch unkorrekt“ auftaucht, der von allen gerne benutzt wird, die ihre Vorrechte und Vorurteile in Gefahr sehen, ist da nur noch konsequent.
Aber, wenn das Mitreden und der Rechtsweg nicht ausreicht, um „den Glauben und die Kirche“ zu verteidigen? Wird dann die andere Backe nicht mehr hingehalten? Geht die US-Bischofskonferenz nach dem Vorbild Camillo Torres in den Untergrund? Verlässt Herr Prüller dann den Rechtsweg? Aber ist ja nur in Nigeria so, dass Christen ‚wehrhaft‘ sind. Wir brauchen das ja nicht in zivilisierter Gesellschaft!? Oder spricht hier nur die verdrängte Seite der Toleranz? Wir sind nur tolerant bis…
Am Schluss seiner Kolumne ironisiert Herr Prüller seine Worte, denn wir sind ja, liberal.
Herr Prüller ist sicherlich ein toleranter Mensch, ja.
Ich werde wohl trotz kalten Wetters doch einmal wieder durch den Sigmund-Freud-Park spazieren gehen und über Verdrängungen sinnieren…

Advertisements