Was noch so in der Zeitung steht…


Eine Woche Lektüre zu islambezogenen Themen in der österreichischen Qualitätszeitung “Die Presse”: Die letzte Woche endete (5.3.) mit einer Besprechung zweier Bücher über die Geschichte einer (lange: der) Münchener Moschee, die Förderung bestimmter muslimischer Strömungen durch das Deutsche Reich und die Weiterförderung durch die Bundesrepublik Deutschland und die USA im Kalten Krieg. Beide Bücher enthalten eine Vielzahl von interessanten Informationen über vergangene Geschehnisse, aber auch anderes. Und das wird vom Rezensenten (wohl aus Nachlässigkeit) unbefragt zitiert: Es geht “um die still und heimlich vorangetriebene Islamisierung Europas”. Da es hauptsächlich um deutsche Geschichten geht, nehmen wir einmal an, dass Frau Merkel inzwischen heimlich ein Kopftuch trägt? Diese heimtückischen Musliminnen!
Munter weiter geht es in der “Presse” am Freitag (11.3.). Ingrid Thurner bemüht sich redlich in einer Erwiderung auf einen Kommentar von Thomas Kramer (2.3.) zu erklären, dass das Beschwören von Unfrieden zwischen Menschen gegeneinander keine lässliche Sünde ist, gleich ob durch Politiker oder Kolumnisten. Außerdem versucht sie darzulegen, dass die Auslegung heiliger Schriften ein diffiziles Geschäft ist, in dem man sich besser auskennen sollte.
Leider hat die “Presse” dem Verfasser des neben Frau Thurner stehenden Kommentars, ihren Text nicht zur Lektüre überlassen. Aber, genützt hätte es vermutlich nichts. Dieser, ein früherer ARD-Korrespondent für Südosteuropa in Wien, Detlef Kleinert, reagiert auf einen Leserbrief von Tarafa Baghajati (4.3.), der sich erdreistet (so die Wahrnehmung des Herrn Kleinert, steht zu vermuten), zu schreiben, der Koran propagiere keine “Aggression gegen Anders- und Ungläubige”. Nun ist es vermessen, dass ein Muslim sich anmaßt, sich über sein Verständnis der grundlegenden Schrift seiner Religion zu äußern. Dies dürfte jedem Leser, jeder Leserin sofort einsichtig sein. Da muss ein gestandener Journalist einschreiten. Herr Kleinert beglückt uns mit seinen Lesefrüchten aus dem Koran, ohne vermutlich die geringste Ahnung zu haben, dass es eine Auslegungsgeschichte des Korans und vielfältige Disziplinen, die sich dem Koran widmen, geben könnte. As-Suyuti (gest. 1505), sicherlich eher ein fleissiger Kompilator als ein origineller Gelehrter, hat sich aber z. B. in seinem unter sunnitischen Gelehrten häufig benutzten Werk über die Disziplinen, die sich mit dem Koran beschäftigen, das den Titel al-Itqan trägt, in über neunzig Kapiteln mit den vielen einzelnen Art und Weisen, mit denen man sich mit dem Koran anzunähern hat, beschäftigt. Herr Kleinert meint, dass bloße Lesen von Übersetzungen mache ihn zum Korankenner… Details stören halt bei der Panikmache.
Wir wollen jetzt nicht auf die einzelnen Verse eingehen, mit denen uns Herr Kleinert aus der Fülle seiner Gelehrsamkeit beglückt. Ein solches Unterfangen würde Gutwilligkeit auf Seiten des Herrn Kleinert voraussetzen. Dass dieser dann das beliebteste Fantasieprodukt sogenannter Islamkritiker herbeizitiert, lässt daran aber zweifeln. Es handelt sich um die Taqiya. Was ist dies nach Meinung des Islamexperten Detlef Kleinert? Wir erfahren: Man (d. h. Muslime) darf “gegenüber Ungläubigen zu jeder Lüge greifen”. Nachdem diese Fatwa von Herrn Kleiner formuliert wurde, ist klar, Baghajati kann nur lügen. Zum Beleg, dass Baghajati nur lügen kann, zitiert Herr Kleinert den iranischen Ayatollah Khamenei. Dass es das so kleine Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten gibt, kann der Ex-Auslandskorrespondent natürlich ignorieren. Details stören bei der Panikmache.
Vielleicht hätte “Die Presse” Herrn Kleinert einen Artikel von Anne-Cathrin Simon vom 6.3.2008 geben sollen, der treffend über die taqiya und die Debatte darum schreibt. Wir können dort auch von schrecklichen Akten der taqiya erfahren, so dem, dass ein offensichtlich muslimischer Taxifahrer sich nicht an eine Preisvereinbarung gehalten habe. Herr Kleiner schreiten Sie ein! Auch erfahren wir im Artikel von Simon (der sich sehr auf einen Artikel des Verfassers dieser Zeilen stützt), dass taqiya ein hauptsächlich von Schiiten vertretenes Konzept ist, dass es erlaubt, seinen Glauben zu verleugnen, wenn Gefahr für Leib und insbesondere Leben besteht. Eine reservatio mentalis, die in erster Linie für weniger mutige Gläubige gilt. Begründet ist dies in der jahrhundertelangen Verfolgung von Schiiten durch andere Muslime. Deshalb git es ähnliche Ideen auch bei anderen Minderheiten. Aber: Details stören bei der Panikmache!
Dann macht Herr Kleinert nach den vier Schritten voran einen halben Schritt zurück. Es gibt auch die Muslime, “die ihrer Religion verpflichtet sind und friedlich unter uns leben”. Die Bösen sind dagegen die Dschihadisten. Auch wenn es Herr Kleinert vielleicht nicht will (Panikmache stört halt das Nachdenken): Er rückt Baghajati damit in die Nähe von Dschihadisten, wenn er unterstellt, dieser befürworte insgeheim die Gewalt “gegen Anders- und Ungläubige”, die Kleinert im Koran findet. So lässt sich sein Vorwurf der Lüge über den Koran durchaus verstehen.
Die Frage sei übrigens erlaubt: Wenn Muslime “ihrer Religion verpflichtet sind”, sich auch ihrer heiligen Schrift verpflichtet fühlen, pflegen sie dann auch taqiya? Und welche Strafe blüht ihnen?
Wir können es ahnen: Zum krönenden Abschluss präsentiert uns Herr Kleinert nämlich den Kriegsruf der sogenannten Islamkritiker: Er spricht mutig, denn er ist ein Tabubrecher (merkwürdig, dass dieser Begriff fehlt), den “totalitären Charakter des Koran” an. Abgesehen vom simplen Anachronismus des Begriffs, versucht er damit zu beschönigen, dass er mit ihrer Grundschrift eine Religion und alle Gläubigen als gewalttätig denunziert und behauptet, dass man keinem Muslim (und auch keiner Muslimin) trauen darf. Natürlich will Herr Kleinert uns damit sagen, dass er zur Spezies der wehrhaften Demokraten gehört und die Muslime zum Anderen der Demokratie gehören, dem Totalitarismus. Was machen wir denn mit diesen Feinden der Demokratie, Herr Kleinert? Einem Demokraten kann es vor diesen totalitären Demokraten schon schaudern.
Geradezu kurios ist, dass die Koranlesekunst der Herren Kleinert & Co. das Spiegelbild der Koranlesekunst extremistischer Muslime, die ebenfalls dazu neigen, sich für die Reflexion nicht zu interessieren. Eine interessante Gesellschaft.
Die Kleinerts dieser Welt sollten allerdings nicht behaupten, sie wüssten nicht, was sie tun. Auf den letzten Seiten des Buches Die Panikmacher von Patrick Bahners finden sich dazu treffende Worte.
Zur Ehrenrettung der “Presse” trägt der Cartoon auf der Seite, auf der sich die beiden Kommentare finden, bei, der treffend illustriert, wohin die Geisteshaltung der Kleinerts führt.
Der Samstag bietet ein besonderes Schmankerl. Ein Leserbriefschreiber erklärt sich großzügig bereit, Orientierung in der Islamdiskussion zu geben: Zuerst einmal tun wir so, als seien wir verwirrt. Dann immunisieren wir uns gegen Kritik, durch die, die sich vielleicht auskennen (Muslime zählen eh nicht): die Islamwissenschaftler. Da macht man sich vorsichtshalber darüber lustig, dass diese Akademiker erwarten, dass man sich zuerst einmal etwas mit den Dingen beschäftigt, über die man leichthin urteilt. Auch sogar die Sprache soll man kennen, lächerliches “Altarabisches” nach Meinung des kenntnisreichen Schreibers. Oh du selige Geistesfeindlichkeit! Dann trompetet man die eigene ohne Kenntnis gewonnene Erkenntnis heraus: “Es gilt im Islam (wie in jedem Rechtsystem) der Grundsatz: Die neue Sure ersetzt die alte!” ‚Der Islam‘ ist, werter Herr, 1. kein Rechtssystem und 2. ist die Aussage, dass ältere Suren durch neuere Suren aufgehoben werden (und dazu noch alle), unter islamischen Gelehrten durchaus umstritten. Dafür müsste man durchaus “Altarabisch” können, was natürlich unnötig ist. Ach, diese Islamwissenschaftler, immer wollen sie, dass man denkt, bevor man etwas schreibt… Böse, böse.
Da passt es ins Bild, dass einen Monat vorher (11.2.), eine weitere Buchrezension, in der ein Rezensent sich ohne jegliche Kenntnis der neueren Forschung zum Koran (z.B. von einer Wissenschaftlerin, die “Altarabisch” kann: Angelika Neuwirth; von dem Fund eines interessanten Palimpsests aus der Frühzeit der islamischen Gemeinde, ganz zu schweigen) darüber auslässt, dass der Koran und auch die Gestalt des Propheten Muhammad nicht das sind, was Muslime sagen (und auch die bösen Islamwissenschafter). Dass der Rezensent auch die Fachkritik nicht kennt (oder kennen will), verwundert auch nicht sonderlich. Schließlich müsste man dann etwas von “Altsemitisch” verstehen…
Es wäre eigentlich lustig: Allerlei Leute, die etwas gegen eine Religion, gegen einen Religionsgründer oder gegen die Grundschrift einer Religion haben und sich nicht näher damit beschäftigt haben (bzw. dies auch nicht wollen) dekretieren, was diese Religion, dieser Religionsstifter oder diese Schrift sind bzw. waren; diejenigen, die sich damit näher beschäftigen, sei es aus gläubiger oder wissenschaftlicher Sicht, werden mit Arroganz davon gejagt. Hoffen wir, dass eine Zeit kommt, in der man darüber lachen kann!

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