und eine Lesefrucht


„‚Weit gefehlt, daß ein Vorurteil durch Beweisführung bgalubigt werde, es geschieht vielmehr durch bloße Anführung, Beispielen, Zeugen und Zitierung von Zeugnissen.‘ Das Vorurteil erscheint damit gerade als das, was keines Beweises bedarf. Und sich damit letztlich unangreifbar, unausrottbar macht.“

(Ottmar Ette, Anton Wilhelm Amo. Philosophieren ohne festen Wohnsitz S.114)

Da sehnt man sich manchmal in die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts zurück, als ein schwarzer deutscher Gelehrter, so etwas schrieb…

 

 

Als sich die Ferse vor der Hacke ekelte


Doch noch einmal die „Wiener Zeitung“, dieses Mal 20. Juli, S.20. Ein Kolumnist hat Ekelgefühle beim Lesen über Fußball bekommen. Nicht was Sie jetzt denken angesichts der Qualität mancher Presseprodukte zu diesem Thema.

Nein, es geht darum, dass das Wort „Hacke“ benutzt wurde. Er vermeint, dass sich niemand für den Gebrauch des Wortes ‚Ferse‘ zu „genieren“ brauche, da es standardsprachlich sei. Nun ist die Frage, warum man überhaupt auf die Idee kommen sollte, sich zu genieren, ein Wort zu benutzen (trotz allem „schön sprechen“). Das zeugt eher von tief sitzenden Problemen.

Nun wurde der inkriminierte Begriff – geben wir es zu – in der Zeitung „Österreich“ benutzt. Das ist aber übel, denn: „Wo Österreich draufsteht, sollte auch Österreich drin sein.“ Es geht also darum, dass der eher norddeutsche gemeinsprachliche Ausdruck ‚Hacke‘ Österreich gefährdet. Die Realitätsangemessenheit des Szenarios sei bezweifelt.

Nun kommen einige sprachgechichtliche Verweise, die hier nicht weiter kommentiert werden sollen. Es ist nur paradox, dass ein Kolumnist die Sprachgeschichte bemüht, um eine Sprachentwicklung stillzustellen, eine lebendige Sprache zu homogenisieren und zu standardisieren, damit sie sich nicht weiterbewege. Hier bricht sich ein deutlicher Identitätsdrang Bahn, dem der simple problemlösende Weg versperrt scheint, sich an der Vielfalt der Ausdrücke zu erfreuen und sprachliche Varietäten zu fördern, wenn sie durch medialen Druck marginalisiert werden.

Es scheint ein stärkeres Motiv zu geben. Dies entblößt sich gegen Ende der Kolumne. Es ist der Ekel (es geh hier nicht um Sartre). Zitieren wir einmal den Brockhaus, Jahrgang 1968: „Ekel, der, 1) Nausea, instinktiver Widerwille, Abscheu, meist begleitet von körperlichem Übelbefinden; insbes. bei Erbrechen […] 2) das, umgangsprachlich: widerwärtiger Mensch.“ Der Kolumnist beliebt dies als „Sprachekel“ zu fassen, ein Wort, für das er eine gewisse Vorliebe hat. Er sieht es als ein „im gesamten deutschen Sprachraum“ anzutreffendes Phänomen, wofür er ein „Stürmchen“ angesichts der Verwendung der Formulierung „das Cola“ in einer Werbung in Deutschland bemüht. Nun, wenn also andere sich daneben benehmen, darf ich es auch. Ein hübsches Beispiel für das in islamischen Kontexten häufig bemühte Reziprozitätsargument: ‚Ich kann dort keine Kirche, also darfst du hier keine Moschee bauen.‘ Abgesehen davon, dass sich dies mental auf der Sandkastenebene bewegt, wird es nicht besser, dass andere es tun. Wenn andere beschämend sich äußern, ist es durchaus ein Grund, sich dafür zu schämen, dass man es selber tut. Aber Ressentiment zeichnet sich nie durch Reflexion aus.

Deutschen in Österreich sei angeraten, einen weiten Bogen um den Kolumnisten zu schlagen. Er könnte ihnen auf die Hacken, pardon: Fersen, speiben.

Und jetzt wandert die „Wiener Zeitung“ ins Altpapier, damit sie wenigstens recycelt wird.

 

Der gewöhnliche Kolumnismus


Vielleicht ist es auch das Elend derjenigen, die sie brauchen, und derjenigen, die sie publizieren. In einer Kolumne auf S.2 der Wiener Zeitung vom 15. Juli 2016 mit dem Titel „Der eruopäische Islam und andere Irrtümer“ finden sich einige Beispiele des gewöhnlichen Kolumnismus.

Dass ein Propagandist des Neoliberalismus (zu Strukturen dieses Glaubens sehr interessant Untote leben länger) etwas gegen (Euro-)Kommunismus hat, geschenkt. Dass er dieses historische Phänomen benutzt, um Assoziationen mit dem Euro-Islam zu produzieren, mehr als durchsichtig. Dass so jemand dann – schlampert weiterschreibend – von der Politik zur Religion springt, ohne einen Funken Begründung, welche Ähnlichkeit zwischen den Phänomenen bestehen könnte – außer „Euro“.

Es geht also gegen den „Euro-Islam“. Auf welcher Grundlage? Zuerst einmal mit einem äußerst schiefen Vergleich mit Saudi-Arabien (vielleicht ist die Faszination für Saudi-Arabien in anti-muslimischen Kreisen der größte Erfolg der saudischen Förderung eines bestimmten Islamverständnisses…). Der Kolumnist hat zwei Kornzeugen aufgetan:

1) Boualem Sansal, ein algerischer Autor, der u. a. für den Roman „2084“ bekannt wurde, der eifrig von anti-muslimischen Kreisen ausgebeutet wird, auch wenn es um etwas anderes geht. Er ist Säkularist, Atheist und wendet sich gegen Religion, allerdings differenzierter als es der Herr Kolumnist will. Er ist geprägt durch die Massaker des algerischen Bürgerkriegs der 1990er Jahre und r Linie – leicht nachzulesen – schreibt so in erster Linie gegen Islamismus.  Ein Zitat sei erlaubt: „Die Religion erscheint mir sehr gefährlich wegen ihrer brutalen, totalitären Seite. Der Islam ist ein furchteinflößendes Gesetz geworden, das nichts als Verbote ausspricht, den Zweifel verbannt und dessen Eiferer mehr und mehr gewalttätig sind. Er muss seine Spiritualität, seine wichtigste Kraft, wiederfinden. Man muss den Islam befreien, entkolonisieren, sozialisieren.“ Nun bemühen sich weltweit viele um eben diese Befreiung, Sozialisierung, auch in Europa – was der Herr Kolumnist füglich ignoriert, stört ja nur.

2) Bassam Tibi, der zwar nicht den Begriff „Euro-Islam“ „in die Welt gesetzt hat“, ihn aber popularisiert hat; natürlich auch zu komplex für den Herrn Kolumnisten. Er sagt, er habe „kapituliert“. Dies sei ihm nicht abgesprochen. Nur sei die Frage erlaubt, ob diese Kapitualtion ähnlich begründet ist wie seine Aussagen zu syrischen Flüchtlingen, die auf ein Rekordtempo in der Gesprächsführung zurückzuführen wären, sehen wir einmal davon ab, dass durch eine Telefonumfrage in Tibis Heimatstadt Göttingen, die Flüchtlings-„Gangs“ nicht aufzufinden sind (s. Der Aristokrat von Göttingen). Nun, wenn es denn hilft als Kronzeuge u. a. des Herrn Kolumnisten zu dienen…

Also zwei „prominente muslimische Intellektuelle“, von denen einer, tja, auch als Atheist – was hast du: weiß doch eh jeder, dass all diese Araber Muslime sind (o, böse Realität, auch das ist falsch) – gilt, bestätigen, dass assoziativ gebildete Vorurteil des Herrn Kolumnisten. Hat er wirklich nicht mehr gefunden? Auf jeden Fall sind die beiden Kronzeugen eher zu bemitleiden, dass sie solch einem

Und es kommt ihm eine „seriöse Studie“ aus Deutschland zur Hilfe, um das magere Aufgebot aufzupeppen. Dort habe „fast jeder zweit Befragte“ angegeben, die Befolgung der Gebote seiner Religion wichtiger als der der Gesetze des jeweiligen Staates sehen. Nun ließe sich natürlich sagen, dass über die Hälfte der Befragten wohl nicht der Meinung war. Aber etwas ist noch interessanter: Die Studie befragt TürkInnen, also nicht „die“ Muslime in Deutschland. Ach, wieder solche Details, alles so schwer. Und: Die Studie sagt, dass dies eine Meinung ist, die in erster Linie von der ersten Generation vertreten wird, in der zweiten und dritten liegen die Werte um 20% darunter. Dies wäre ein Hinweis auf Entwicklungen des realen europäischen Islams, nicht dem des anti-muslimischen Webs. Dass übrigens 61% der Befragten die Meinung äußern,  der Islam passe in die westliche Welt, bestätigt die Tendenz. Aber Zahlen sind halt so eine Sache (für den Herrn Kolumnisten eh ein Problem: Wiener Zeitung wird gebeten…). Man greife nicht nur willkürlich Zahlen heraus, ohne die Studie wirklich zu lesen (ah, das wäre ja „seriös“), außer man will die Bestätigung des eigenen Vorurteis generieren.

Aber was will uns der Kolumnist damit sagen. Also einen alternativen Islam zum Extremismus kann es nicht geben; der Extremismus ist eh inakzeptabel. Also bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, von der Patrick Bahners in seinem Buch über die „Panikmacher“ schrieb: „Was ist los in Deutschland? Der Frankfurter Architekt Salomon Korn, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, hat daran erinnert, dass die deutsche Geschichte schon seit 1806 eine Geschichte der Niederlagen war. Die Sehnsucht nach einem starken Nationalbewusstsein kompensiert ein verleugnetes Gefühl der Schwäche. «Wer keine gefestigte Persönlichkeit besitzt, sucht Menschen, auf die er hinabschauen kann. Früher waren das vor allem die Juden. Heute greifen in der Causa Sarrazin ähnliche Mechanismen: Hier wir Deutsche, dort die Muslime.»
Ein Jahr nach Treitschkes Aufsatz zog sein nicht minder berühmter Fakultätskollege Theodor Mommsen ein Resümee der von Treitschke ausgelösten Debatte. «Ohne Zweifel hat Herr von Treitschke diese Woge und diesen Schaum nicht gewollt, und es fällt mir nicht ein, ihn für die einzelnen Folgen seines Auftretens verantwortlich zu machen. Aber die Frage ist doch unerlässlich: was hat er gewollt? Jene <tiefe und starke Bewegung> hatte doch wohl irgend einen Zweck? Herr von Treitschke ist ein redegewaltiger Mann; aber er selbst hat doch wohl kaum geglaubt, dass auf seine Allokution hin die Juden nun, wie er es ausdrückt, sämtlich deutsch werden würden. Und wenn nicht, was dann? Ein kleines klares Wort darüber wäre nützlicher gewesen als all die ziellosen großen. Nur so viel ist klar: Jeder Jude deutscher Nationalität hat den Artikel in dem Sinne aufgefasst und auffassen müssen, dass er sie als Mitbürger zweiter Klasse betrachtet, gleichsam als eine allenfalls besserungsfähige Strafkompanie. Das heißt den Bürgerkrieg predigen.»
Nicht wie aus einem Munde, aber immer lauter ertönt es heute: Der Islam ist das Problem. Was wollen diejenigen, die diese Parole lancieren? Ralph Giordano und Henryk M. Broder sind redegewaltige Männer. Aber sie haben wohl kaum geglaubt, dass sämtliche Muslime deutscher Nationalität nach Lektüre der Autobiographie von Ayaan Hirsi Ali vom Glauben abfallen würden. Aber wenn nicht – was dann?“

Ja, was dann? Um Problemlösung – und Probleme gibt es, und sie müssen gelöst werden – geht es sicher nicht. Also – was dann? Die Frage sollte vielleicht auch die „Wiener Zeitung“ beantworten.

 

 

 

 

Wenn zwei Hände sich nicht finden…


Manchmal ist es einfach gut, entspannt zu sein:

Händeschütteln

Die Frage, die sich stellt, ist: Wie geschädigt ist eine Kultur, die zusammenbricht, wenn eine Hand nicht geschüttelt wird? Und wieso sollte die Verweigerung, eine Hand zu schütteln, für ein religiöses Statement genutzt werden? Bleibt einfach cool! Es ist heiß genug!