double standards?!?


Gerade wieder eine Klage über die double standards der USA und Europa mit Bezug auf den sog. Middle East gelesen. Geht es nicht eher um die koloniale und post-koloniale Normalität? Verhindert das moralische Klagen nicht eher die Analyse und das Verständnis der Realität?

und da ist es wieder


Manche mögen Orientalismuskritik für überflüssig halten. Dann füllt aber so etwas den Bildschirm:

„Die militanten Islamisten sind auch Todfeinde der machthabenden Taliban, obwohl beide Gruppen sich aus Sunniten rekrutieren und sich ideologisch nahestehen.“ (APA, in Der Standard 18. Juni 2022)

Also: 1) ihr wisst nicht, was ‚Islamisten‘ heißen soll, 2) wenn ‚wir‘ es nicht geschafft haben, die Taliban zu vernichten, gestehen ‚wir‘ höchstens zu, dass sie die Macht haben – wohl zufällig am Wege gefunden, das sich in die Tasche lügen geht weiter -, 3) die Taliban und der IS ‚rekrutieren‘ sich aus ‚Sunniten‘: Warum und was soll das heißen, sind ‚die Sunniten‘ so homogen, dass beide Gruppen eigentlich homogen sind und zusammengehören und damit eigentlich ‚die Sunniten‘ per se verdächtig sind, sich von solchen ‚Gruppen‘ rekrutieren zu lassen, 4) ‚ideologisch‘ stehen sie sich nahe (s. vorheriger Punkt) und wir wissen auch nichts über die Theologie der Gewalt der Taliban oder des IS-Khorasan, irgendetwas hat es halt mit Gewalt zu tun, das reicht; das beide Seiten sich bis aufs Blut bekämpfen, weil sie ganz andere Theologie haben (Ziel Islamisches Emirat Afghanistan vs. Islamischer Staat = Kalifat), interessiert uns als Agentur nicht. Wir haben Jahrzehnte uns Jahrzehnte nicht ernsthaft für Afghanistan interessiert, warum jetzt anfangen?

manchmal


Manchmal hat auch Herr Helnwein einen Gedanken:

„Auf jeden Fall reagieren die Österreicher immer sperrig, widerspenstig und irrational, wenn sie das Gefühl haben, man wolle sich gegen sie verschwören und von außen Druck auf sie ausüben.“

Das scheint auch auf österreichische Germanisten und Kulturkolumnisten zuzutreffen. Besonders auf die, die keinen Ruf an österreichische Universitäten erhalten haben, tun sich hervor. Sie haben es sich besonders ‚verdient‘, um gewisse Parteifunktionärinnen zu zitieren Sie beklagen sich über die überwältigende Macht ‚der Deutschen‘ in der österreichischen Universitätslandschaft – in der Germanistik, Kunstgeschichte, Kunstuniversitäten etc. Nun kann ein Zeitungskolumnist so ahnungslos sein, dass ein Kulturministerium nicht für Berufungen an den autonomen Universitäten zuständig ist. Die Träumereien, eine Art Staatskommissariat für Quotenfestsetzung zu analysieren, mag manchen Milieus attraktiv erscheinen. Vergessen wird dabei der Artikel 17 Staatsgrundgesetz, den ein ‚verdienter‘ Zeitungskolumnist natürlich auch nicht kennt. Zu lesen am 29. Mai 2022 im Kurier.

weisheiten


Zufällig bin ich auf folgende Weisheit hingewiesen worden:

„Der kulturelle Höhepunkt der Menschheit hat nach meinem Verständnis in Europa stattgefunden, und zwar in der Zeitspanne von der Gotik bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts. Es war eine Explosion an Kreativität wie niemals zuvor irgendwo auf der Welt: in der Baukunst, der Musik, der Malerei, der Literatur und der Philosophie. Es ist das große Wunder der Menschheitsgeschichte. Für mich ist das aber auch mit Wehmut verbunden, weil es gerade zugrunde geht. Wir treten in ein völlig neues Zeitalter ein.“

Es ist kein Provinzpolitiker, ein Künstler, der auch in den USA lebt, aber dessen Welt europäisch beschränkt ist, so dass er den Rest der Welt nicht erkennen kann, wenn er ihn gegen das Schienbein tritt. Im Interview fährt er fort:

„Sie ermöglichen ja erst die sogenannte Globalisierung, die möglicherweise alle ästhetischen und geistigen Werte nivellieren und die Vielfältigkeit, Widersprüchlichkeit und Eigenständigkeit verschiedener Kulturen auslöschen wird.“

Und das nachdem er die Kulturen der Welt zugunsten eines eurozentrischen Weltbildes ausgelöscht hat. So wird die Krise des alten weißen Mannes erkennbar. Seine Kultur fühlt er gefährdet.

Bedroht fühlt er sich natürlich auch durch political correctness und beklagt auch die Rolle der Gutmenschen, sieht sich zugleich als Nachfahren der ’68er‘. So weit, so gähn, aber trotzdem signifikant. Signifikant auch, dass ein wirkliches, kritisches Nachfragen nicht stattfndet. Zu finden ist es in Der Standard, 5. Juni 2019 und der befragte weiße Künstler ist Gottfried Helnwein.

Lesefrucht


Aus einem Bericht über Lemberg:

„Die Stadt, demokratisiert, vereinfacht, vermenschlicht und es scheint, daß diese Eigenschaften mit ihren kosmopolitischen Neigungen zusammenhängt. Die Tendenz ins Weite ist immer gleichzeitig ein Wille zur selbstverständlichen Sachlichkeit. Man kann nicht feierlich sein, wenn man vielfältig ist.“ (S.19)

(Joseph Roth, Reisen in die Ukraine und nach Russland, München: C. H. Beck, 2022 (5. Auflage)

Darin auch die Mahnung an alle, die von ihren Schreibtischen aus andere Menschen in den Krieg hetzen:

„Der Krüppel: Ein polnisches Invalidenbegräbnis“ (S.21ff.)

Buchbesprechung


Fabian Reicher/Anja Melzer, Die Wütenden: Warum wir im Umgang mit dschihadistischem Terror radikal umdenken müssen, Frankfurt a. M.: Westend Verlag, 2022

Manchmal helfen aktuelle Bücher, dass man sich früherer Zeiten erinnert als jemand wie Paulo Freire und seine Pädagogik der Unterdrückten von Bedeutung waren. Die Aufnahme solcher Ideen in der Sozialarbeit und deren Produktivität zeigt das Buch von Reicher und Melzer.

Es geht einerseits um eine Einführung in Welten von jungen Leuten, die den meisten, die dieses Buch lesen werden, eher fremd sind, andererseits um die sozialarbeiterische Praxis mit diesen jungen Leuten.

Es wird an fünf Beispielen berichtet, wie sich eine jugendliche Subkultur entwickelt, die in den Bereich des Dschihadismus des Islamischen Staates sich bewegt. Aus den unterschiedlichsten Gründen, bewegen sich diese jungen Leute in dieses Umfeld hinein. Die Begegnungen mit den einzelnen Personen werden in lebendiger Weise dargestellt. Als Ausgangspunkt wird der Anschlag in Wien Anfang November 2020 gewählt.

Letztlich geht es um „patriarchale Strukturen und toxische Männlichkeitsstrukturen“ (S.225), die in unseren Gesellschaften tief verwurzelt sind und die einem grundlegenden Wandel im Wege stehen. Trotzdem bleibt der Ko-Autor überzeugt, dass seine Sache „die Sache der Menschen auf der Straße“ (S.226) ist. Diese Parteilichkeit zieht sich durch das gesamte Buch.

Ein gutes Beispiel für den Ansatz, der sich in diesem Buch in schöner Weise widerspiegelt, ist für mich die folgende Passage:

„In der Pädagogik der Wütenden geht es darum, einen Raum zu öffnen, in dem es möglich ist, Werte, Haltungen und Vorstellungen auf eine produktive Weise auszuhandeln. Will man Jugendlichen demokratische Werte vermitteln, muss man den intersubjektiven Raum nach diesen Werten gestalten. Für einen partizipativen Aushandlungsprozess auf Augenhöhe ist es notwendig, Hierarchien, die sich auf Alter, Bildung, Erfahrung oder der eigenen Rolle begründen, zu reflektieren und abzubauen. Autoritäre Appelle, moralisierende Abwertungen oder harte Strafen stehen nicht nur im Widerspruch zu den angeblichen fundamentalen Werten und Überzeugungen unserer Gesellschaft – sie funktionieren auch nicht.“ (S.93)

So wird die ‘Bankiers-Methode‘ – so nennt es Paulo Freire einmal – der Bildung aufgebrochen und die passive Aufnahme des Wissens in Handlungsfähigkeit transformiert, die zugleich neues Wissen produziert. Es geht nicht nur um den Fetisch des Ausstiegs, es geht auch darum, Menschen auf einem Weg zur Selbsttransformation zu begleiten. Alles andere funktioniert nicht, auch wenn immer so getan wird.

Das Buch gibt berührende Beispiele, die gerade der häufig an sich selber scheiternden Deradikalisierungsarbeit Impulse geben können. Und vielleicht sogar den Theorien über Deradikalisierung. Hoffen wird man ja noch dürfen…

Also eine empfehlenswerte Lektüre.