25. September 2011

Crash der Logik

Veröffentlicht in Islamfeindliches, Uncategorized tagged , , , um 9:48 vormittags von lohlker

Der Kommunikationschef der Erzdiözese Wien und ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Wiener Tageszeitung “Die Presse” hat wieder einmal seine Kolumne mit dem Titel “Culture Clash” produziert (Die Presse 25.09.2011, S.47). “Es muß ja Ärgernis kommen” (Ich weiß, es ist nicht die katholische Version, aber es musste einfach sein).
Er stellt fest: “Man soll natürlich nicht kleinreden, dass es tatsächlich für Vorstellungen wie die Gleichwertigkeit der Frau oder die Religionsfreiheit eng werden könnte, wenn es von heute auf morgen eine muslimische Mehrheit im Lande gäbe.” Dann folgt – immerhin – der Hinweis, dass Projektion des demographischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bis 2051 von nicht mehr als 14-18 Prozent MuslimInnen in Österreich ausgehen.
Warum der erste Satz? Sehen wir vom Konjunktiv ab, sehen wir auch von der hübschen Formulierung “Gleichwertigkeit der Frau” ab, nicht Gleichberechtigung… Der antimuslimische Diskurs ist einfach zu stark. Es musste einfach der Gedanke heraus, dass eine muslimische Mehrheit zwangsläufig den Status von Frauen bedroht und auch die Religionsfreiheit. Es kann gar nicht anders sein. Das weiß man einfach tief im Inneren. Ohne irgendetwas zu wissen… Solche Sätze sind doch eine Festmahl für Diskursanalytiker!
Zugleich weiß man, dass es nicht stimmt. Zumindest soweit wir seriöse demographische Projektionen haben, die dem werten Schreiber präsent sind. Es gibt keinen Anhaltspunkt für das erste Szenario. Trotzdem müssen wir das Schreckbild beschören, dürfen es nicht “kleinreden”. Die Frage schleicht sich an: Ist es wirklich nur der Diskurs der spricht? Oder ist es eine Kommunikationsstrategie des Kommunikationschefs, um eine eigene Klientel zu bedienen, die solche Schreckensszenarien sich genüsslich ausmalt? Oder ist einfach die Logik vor dem Erreichen der Kolumne in einen Unfall mit Totalschaden verwickelt worden?
Fragen? Fragen? Und keine Antworten. Oder doch?

23. August 2011

Ach ja…

Veröffentlicht in Islamfeindliches tagged , , , , , , um 8:06 vormittags von lohlker

Die Morde in Norwegen haben ja zu einigen verzweifelten Versuchen der Selbstentschuldung seitens derer geführt, die das gesellschaftliche Klima mitproduziert haben, in denen so etwas gedeiht. Eine weitere Selbstentblößung ist zu vermelden. Herr Grigat hat einen Kommentar in der Tageszeitung “Die Presse” abgesetzt.
Wir erfahren, dass jegliche Kritik ihres von jeglicher Kenntnis ungetrübten antimuslimischen Furors ihm und seinesgleichen fürchterlich Unrecht tut. Er klagt Sympathien des norwegischen Attentäters für ein bestimmtes Islambild an: das des mysogynen, autoritären, kollektivistischen Islam. Nur findet aich – oh Wunder – kein Partikelchen eines anderen Islambilds in Herrn Grigats Kommentar. Vielleicht weil sein Islambild so ähnlich ist. Dann addiert er noch Antisemitismus, rechtsradikale Einbettung und das simple Weltbild des ‘kritischen Theoretikers’ ist wieder in Ordnung. Er hat halt immer recht gehabt und darf weiterhin an seine Heiligen Adorno und Horkheimer glauben.

25. Juli 2011

Hausgemachter Terrorismus

Veröffentlicht in Islamfeindliches, Uncategorized tagged , , , , , , , um 5:46 nachmittags von lohlker

Eigentlich sollten die Ereignisse doch einige Leute dazu bringen, beschämt zu schweigen. Michael Fleischhacker, seines Zeichens Chefredakteur der Wiener Tageszeitung “Die Presse” hat u.a. am 15.09.2007 (andere Beispiele ließen sich mehr als genug finden) nicht umhin können zu kommentieren. Unter dem Titel “Das Problem ist der Islam” findet er u.a. “Menschen, die einfach nicht in der Lage sind, auf Distanz zu Terroristen zu gehen, die dieses Buch für ihre Zwecke missbrauchen”. Die wunderbar pauschale Verurteilung aller MuslimInnen weltweit erhebt ihr Haupt, hervorgekitzelt von jemanden, der sich wirklich auskennt. Der Schluss des Kommentars ist denn bezeichnend mit seiner Betonung des ‘Kampfes der Kulturen’: “Der findet nämlich längst statt, weltweit, zwischen Gesellschaften, die Religion und Politik trennen, und solchen, die das nicht tun. Wer das nicht sieht, hat schon verloren.”
Und jetzt, nach Oslo und Utoya, als jemand das ‘gesehen hat’, was viele der ehrbaren ‘Islamkritiker’ sehen, und danach gehandelt hat, kommentiert Herr Fleischhacker wieder (Die Presse 25.07.2011): “Man muss einfach zur Tagesordnung übergehen”. Er proklamiert man müsse nicht “die Quellen für die wirren Fantasien eines Psychopathen” suchen. Man könnte vielleicht ja zu viele der ehrbaren Menschen finden, “die in der wirlichen Welt ein ehrbares Leben führen”. Vielleicht auch Journalisten? Es wundert nicht, dass diejenigen, die das Klima bereiten, in dem Attentäter nun ja keine Brandstifter gewesen sein wollen: “Menschen, die mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die Zuwanderung und kulturelle Entgrenzung mit sich bringen, nicht zurecht kommen, als Terror-Brandstifter zu denunzieren, wird das Problem nicht lösen. Man kann nur zur Tagesordnung übergehen.”
Man braucht wohl keine tiefschürfende Analyse, um hier jemanden zu sehen, der kräftig an der eigenen Selbstentschuldung arbeitet. Stellen wir uns einmal vor, es wäre der Attentäter ein sich islamisch legitimierender Terrorist gewesen: Was wäre dann die Reaktion des Herrn Fleischhacker und seine Worte zu ‘dem Islam’ allgemein? Verständnis? Gehen wir zur Tagesordung über?
Es kann jetzt niemand mehr behaupten, er/sie habe nicht gewusst, wohin die innergesellschaftliche Feinderkärung führen kann: zu dieser Art homegrown terrorist aus der Mitte einer europäischen Gesellschaft.
Oder mit den Worten aus einem Interview aus dem Konkurrenzblatt der “Presse”:
Es geht gegen Muslime und Migranten. Das schafft ein Milieu, und in diesem Milieu gibt es labile Täter, die dann zuschlagen. Man wird erkennen müssen, dass das Klima des Zusammenlebens versaut werden kann und dass damit Gefahren heraufbeschwört werden können. Wenn alle Fakten bekannt sind, wird man erschrocken darüber sein, was Sprüche über andere – falsch beschreibende, verurteilende, herabsetzende – auslösen können. Sie können zu einer kompakten Weltanschauung werden.” (derstandard.at 24.07.2011)
Manchmal hoffe ich immer noch, dass gewisse Leute wenigstens im stillen Kämmerlein schamrot werden.
Und noch ein kluger Artikel dazu:
Das Massaker als ideologisches Fanal

22. Juli 2011

Der Zirkelschluss des Bösen

Veröffentlicht in Islamfeindliches tagged , , , , um 9:30 vormittags von lohlker

Ein Bericht aus einer Wiener Gratis-U-Bahn-Zeitung:

Mitten in Europa

und eine etwas andere Darstellung:

Nur leider blutige Normalität

Ach, die journalistische Sorgfaltspflicht von den Kosaken über die Daily Mail bis “heute”…

27. März 2011

Zeitungsüberschriften und Wirklichkeit

Veröffentlicht in Islamfeindliches tagged , , , , , um 10:54 vormittags von lohlker

Normal scheint es zu sein, dass bestimmte Presseorgane reißerische Überschriften pflegen, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erwecken. Deswegen ist es nicht akzaptabel.
Von einer Tageszeitung, die sich selbst als Qualitätszeitung deklariert, und zumal in einer Beilage, die “Rechtspanorama” betitelt ist, erwartet man eigentlich eine andere Vorgehensweise. “Die Presse” vom 21.03.2011 (zitiert nach der Onlineausgabe) tritt den Gegenbeweis an.
Sie schreit uns entgegen: “Scharia darf in Österreich angewandt werden”. Die Panik, die die “Panikmacher” erzeugen wollen, greift um sich. Jetzt ist die Unterwanderung geschehen! Karl Martell, der sich im Titel eines einschlägigen österreichischen Blogs findet, hat sicherlich schon sein Schwert gezückt…
Worum geht es eigentlich? Es gibt im Recht ein Teilgebiet, das sich IPR, ausgeschrieben Internationales Privatrecht. Wer einmal Recht studiert hat, mag über so etwas wie Rabels Zeitschrift für ausländisches und internationales Privatrecht gestolpert sein, wo sich allerlei zu diesem Thema finden lässt. Und genau dieses Gebiet ist berührt. Es geht, kurz formuliert, um den Teil des nationalen Rechts, der über das materielle Privatrecht entscheidet, das inländische Behörden und Gerichten nach bestimmten Regeln anzuwenden haben, wenn es um Angelegenheiten mit Auslandsbezug geht. Es ist schlicht der rechtliche Normalfall, wenn Gerichte ausländisches Recht anwenden. Anders würde das internationale Rechtsleben – auch im Familienrecht – nicht funktionieren. Auch österreichische Ehepaare im Ausland werden bei Streitigkeiten nicht anders behandelt (Ausnahme s.u.).
Also: Ein österreichisches Gericht hat in einem ganz normalen Fall ganz normal entschieden. Nur – und jetzt kriecht die Panik aus allen Löchern – es geht um den Fall eines saudischen Ehepaares, das in Saudi-Arabien geheiratet hat und dann in Österreich ein anscheinend ziemlich unglückliches Eheleben geführt hat, was schließlich zur Scheidung führte. Ob der Frau Unterhalt zustehe, war die Streitfrage. Der Oberste Gerichtshof entschied schließlich, der Frau stehe kein Unterhalt zu, der ihr auch nicht nach saudi-arabischem Recht zugestanden hätte. Die Vorinstanzen hatten entschieden, dass diese Regel des saudischen Rechts nicht dem österreichischem ordre public entspreche und deswegen der Frau Unterhalt zugesprochen. Es war dem zuerst zuständigen Bezirksgericht (laut Zeitungsartikel) nicht möglich gewesen, das saudisch-arabische Recht zu ermitteln, aber da es sich um islamisches Recht handelt, kann es nur dem österreichischen ordre public widersprechen, um es etwas zugespitzt zu formulieren. Wenn es denn stimmt, ist eine solche Begründung recht herzerfrischend offen: Wir wissen zwar nichts…
Der Oberste Gerichtshof entscheidet anders, denn das österreichische Recht sehe bei Scheidung aus beiderseitigem Verschulden Unterhalt nur in Ausnahmefällen vor. Wenn nun saudi-arabisches Recht keinen über drei Monaten hinausreichenden Unterhalt vorsieht, widerspreche es nicht dem österreichischen Recht – denn dort schaut es eben in vergleichbaren nicht besser aus. Vielleicht also ein Fall für eine Reform des Unterhaltsrechts, Verzicht auf das Schuldprinzip oder ähnliche Dinge, könnte man denken. Warum also die Aufregung?
Kehren wir zum Artikel im “Rechtspanorama” der “Presse” zurück! Der Verfasser des Artikels schreibt: “Ist das saudiarabische Eherecht in Österreich anwendbar? Mit dieser Frage musste sich nun erstmals der Oberste Gerichtshof beschäftigen. Und tatsächlich kamen die Höchstrichter zu dem Schluss, dass zumindest Teile der in Saudiarabien geltenden Scharia auch hierzulande anzuwenden sind.”  Da haben wir also die Quelle der Überschrift! In Saudi-Arabien wird auf schariatische Regeln und Gelehrtenmeinungen in diversen Rechtsgebieten zurück gegriffen, eben auch im Familien- und Unterhaltsrecht. Eine Tatsache. Aber, wenn wir daraus eine Überschrift machen, die nur Scharia enthält und damit das Panikbild von Handabhacken, Zwangsverschleierung u.a.m. beschwört, dann haben wir einen Artikel, der Aufmerksamkeit erregt… Zeugt das von guter journalistischer Qualität?
Nun gibt es Details im saudi-arabischen Rechtssystem, die zu berücksichtigen wären (und von den Gerichten den Anschein nach ebenfalls nicht berücksichtigt wurden): dass z.B. eine bestimmte Ausprägung einer der sunnitischen Gelehrtendiskussion über schariatische Fragen in Saudi-Arabien vorherrschend ist: die hanbalitische. Nicht die gesamte komplexe schariatische Diskussion mit ihrer langen Geschichte wird herangezogen. Nicht einmal die politisch instrumentalisierte udn degenerierte Form der Scharia insgesamt ist also das Thema. Es geht um einen Ausschnitt aus schariatischen Regeln, der österreichischem Recht nicht widerspricht, in einem genau definierten Rechtsbereich, der bestimmte Ausnahmefälle mit Auslandsbezug betrifft.
Am 24.3. kann derselbe Journalist Vollzug melden. Er hat einen Skandal angerührt. Bebildert wird der zweite Artikel mit einem Niqab-Bild (Hast du ein Burqa-Bild für meinen Artikel??), wen wundert es noch. Der Sprecher der Justizministerin wittert am Obersten Gerichtshof “Rechtsauffassungen, die diametral dem westlichen Wertegerüst widersprechen”. Meint der Sprecher österreichisches Unterhaltsrecht? Da schau her! Der Frauenministerin ist zuwider, dass Richter einen Interpretationsspielraum haben, von den Regeln des IPR weiß sie anscheinend nichts. Und den Zweck gerichtlicher Instanzen sollte ihr vielleicht erläutert werden. Dass manche Parteien versuchen daraus politisches Kleingeld zu prägen, verwundert nicht.
Das Justizministerium räumt allerdings ein, dass die Richter sich im Rahmen der Gesetze korrekt verhalten hätten. Die müssten sich ja ändern lassen, also werde eine Gesetzesänderung überlegt. Denn so der Sprecher noch einmal. Die Rechtsprechung “hat nach den Werten der christlichen, zivilisierten, westlichen Welt zu erfolgen und jedenfalls nicht nach der Scharia.” Richterliche Unabhängigkeit kein “westlicher” Wert? Bindung an das Gesetz? Ändern wir es eben! Teilnahme am internationalen Rechtsverkehr? Darauf können wir doch verzichten!
Unser Journalist hat es also geschafft: Aus einem unbedeutenden Rechtsfall hat er einen “Wertekonflikt” gemacht. Aus einer Mikrobe einen Elefanten. Das eigentliche Rechtsproblem, die “eigenen” unterhaltsrechtlichen Regeln, fallen unter den Tisch und die Panik wird weiter geschürt. Gratulation! So wird dem Fortschritt auf die Beine geholfen!

12. März 2011

Was noch so in der Zeitung steht…

Veröffentlicht in Islamfeindliches, Uncategorized tagged , , , , , , , , um 10:10 vormittags von lohlker

Eine Woche Lektüre zu islambezogenen Themen in der österreichischen Qualitätszeitung “Die Presse”: Die letzte Woche endete (5.3.) mit einer Besprechung zweier Bücher über die Geschichte einer (lange: der) Münchener Moschee, die Förderung bestimmter muslimischer Strömungen durch das Deutsche Reich und die Weiterförderung durch die Bundesrepublik Deutschland und die USA im Kalten Krieg. Beide Bücher enthalten eine Vielzahl von interessanten Informationen über vergangene Geschehnisse, aber auch anderes. Und das wird vom Rezensenten (wohl aus Nachlässigkeit) unbefragt zitiert: Es geht “um die still und heimlich vorangetriebene Islamisierung Europas”. Da es hauptsächlich um deutsche Geschichten geht, nehmen wir einmal an, dass Frau Merkel inzwischen heimlich ein Kopftuch trägt? Diese heimtückischen Musliminnen!
Munter weiter geht es in der “Presse” am Freitag (11.3.). Ingrid Thurner bemüht sich redlich in einer Erwiderung auf einen Kommentar von Thomas Kramer (2.3.) zu erklären, dass das Beschwören von Unfrieden zwischen Menschen gegeneinander keine lässliche Sünde ist, gleich ob durch Politiker oder Kolumnisten. Außerdem versucht sie darzulegen, dass die Auslegung heiliger Schriften ein diffiziles Geschäft ist, in dem man sich besser auskennen sollte.
Leider hat die “Presse” dem Verfasser des neben Frau Thurner stehenden Kommentars, ihren Text nicht zur Lektüre überlassen. Aber, genützt hätte es vermutlich nichts. Dieser, ein früherer ARD-Korrespondent für Südosteuropa in Wien, Detlef Kleinert, reagiert auf einen Leserbrief von Tarafa Baghajati (4.3.), der sich erdreistet (so die Wahrnehmung des Herrn Kleinert, steht zu vermuten), zu schreiben, der Koran propagiere keine “Aggression gegen Anders- und Ungläubige”. Nun ist es vermessen, dass ein Muslim sich anmaßt, sich über sein Verständnis der grundlegenden Schrift seiner Religion zu äußern. Dies dürfte jedem Leser, jeder Leserin sofort einsichtig sein. Da muss ein gestandener Journalist einschreiten. Herr Kleinert beglückt uns mit seinen Lesefrüchten aus dem Koran, ohne vermutlich die geringste Ahnung zu haben, dass es eine Auslegungsgeschichte des Korans und vielfältige Disziplinen, die sich dem Koran widmen, geben könnte. As-Suyuti (gest. 1505), sicherlich eher ein fleissiger Kompilator als ein origineller Gelehrter, hat sich aber z. B. in seinem unter sunnitischen Gelehrten häufig benutzten Werk über die Disziplinen, die sich mit dem Koran beschäftigen, das den Titel al-Itqan trägt, in über neunzig Kapiteln mit den vielen einzelnen Art und Weisen, mit denen man sich mit dem Koran anzunähern hat, beschäftigt. Herr Kleinert meint, dass bloße Lesen von Übersetzungen mache ihn zum Korankenner… Details stören halt bei der Panikmache.
Wir wollen jetzt nicht auf die einzelnen Verse eingehen, mit denen uns Herr Kleinert aus der Fülle seiner Gelehrsamkeit beglückt. Ein solches Unterfangen würde Gutwilligkeit auf Seiten des Herrn Kleinert voraussetzen. Dass dieser dann das beliebteste Fantasieprodukt sogenannter Islamkritiker herbeizitiert, lässt daran aber zweifeln. Es handelt sich um die Taqiya. Was ist dies nach Meinung des Islamexperten Detlef Kleinert? Wir erfahren: Man (d. h. Muslime) darf “gegenüber Ungläubigen zu jeder Lüge greifen”. Nachdem diese Fatwa von Herrn Kleiner formuliert wurde, ist klar, Baghajati kann nur lügen. Zum Beleg, dass Baghajati nur lügen kann, zitiert Herr Kleinert den iranischen Ayatollah Khamenei. Dass es das so kleine Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten gibt, kann der Ex-Auslandskorrespondent natürlich ignorieren. Details stören bei der Panikmache.
Vielleicht hätte “Die Presse” Herrn Kleinert einen Artikel von Anne-Cathrin Simon vom 6.3.2008 geben sollen, der treffend über die taqiya und die Debatte darum schreibt. Wir können dort auch von schrecklichen Akten der taqiya erfahren, so dem, dass ein offensichtlich muslimischer Taxifahrer sich nicht an eine Preisvereinbarung gehalten habe. Herr Kleiner schreiten Sie ein! Auch erfahren wir im Artikel von Simon (der sich sehr auf einen Artikel des Verfassers dieser Zeilen stützt), dass taqiya ein hauptsächlich von Schiiten vertretenes Konzept ist, dass es erlaubt, seinen Glauben zu verleugnen, wenn Gefahr für Leib und insbesondere Leben besteht. Eine reservatio mentalis, die in erster Linie für weniger mutige Gläubige gilt. Begründet ist dies in der jahrhundertelangen Verfolgung von Schiiten durch andere Muslime. Deshalb git es ähnliche Ideen auch bei anderen Minderheiten. Aber: Details stören bei der Panikmache!
Dann macht Herr Kleinert nach den vier Schritten voran einen halben Schritt zurück. Es gibt auch die Muslime, “die ihrer Religion verpflichtet sind und friedlich unter uns leben”. Die Bösen sind dagegen die Dschihadisten. Auch wenn es Herr Kleinert vielleicht nicht will (Panikmache stört halt das Nachdenken): Er rückt Baghajati damit in die Nähe von Dschihadisten, wenn er unterstellt, dieser befürworte insgeheim die Gewalt “gegen Anders- und Ungläubige”, die Kleinert im Koran findet. So lässt sich sein Vorwurf der Lüge über den Koran durchaus verstehen.
Die Frage sei übrigens erlaubt: Wenn Muslime “ihrer Religion verpflichtet sind”, sich auch ihrer heiligen Schrift verpflichtet fühlen, pflegen sie dann auch taqiya? Und welche Strafe blüht ihnen?
Wir können es ahnen: Zum krönenden Abschluss präsentiert uns Herr Kleinert nämlich den Kriegsruf der sogenannten Islamkritiker: Er spricht mutig, denn er ist ein Tabubrecher (merkwürdig, dass dieser Begriff fehlt), den “totalitären Charakter des Koran” an. Abgesehen vom simplen Anachronismus des Begriffs, versucht er damit zu beschönigen, dass er mit ihrer Grundschrift eine Religion und alle Gläubigen als gewalttätig denunziert und behauptet, dass man keinem Muslim (und auch keiner Muslimin) trauen darf. Natürlich will Herr Kleinert uns damit sagen, dass er zur Spezies der wehrhaften Demokraten gehört und die Muslime zum Anderen der Demokratie gehören, dem Totalitarismus. Was machen wir denn mit diesen Feinden der Demokratie, Herr Kleinert? Einem Demokraten kann es vor diesen totalitären Demokraten schon schaudern.
Geradezu kurios ist, dass die Koranlesekunst der Herren Kleinert & Co. das Spiegelbild der Koranlesekunst extremistischer Muslime, die ebenfalls dazu neigen, sich für die Reflexion nicht zu interessieren. Eine interessante Gesellschaft.
Die Kleinerts dieser Welt sollten allerdings nicht behaupten, sie wüssten nicht, was sie tun. Auf den letzten Seiten des Buches Die Panikmacher von Patrick Bahners finden sich dazu treffende Worte.
Zur Ehrenrettung der “Presse” trägt der Cartoon auf der Seite, auf der sich die beiden Kommentare finden, bei, der treffend illustriert, wohin die Geisteshaltung der Kleinerts führt.
Der Samstag bietet ein besonderes Schmankerl. Ein Leserbriefschreiber erklärt sich großzügig bereit, Orientierung in der Islamdiskussion zu geben: Zuerst einmal tun wir so, als seien wir verwirrt. Dann immunisieren wir uns gegen Kritik, durch die, die sich vielleicht auskennen (Muslime zählen eh nicht): die Islamwissenschaftler. Da macht man sich vorsichtshalber darüber lustig, dass diese Akademiker erwarten, dass man sich zuerst einmal etwas mit den Dingen beschäftigt, über die man leichthin urteilt. Auch sogar die Sprache soll man kennen, lächerliches “Altarabisches” nach Meinung des kenntnisreichen Schreibers. Oh du selige Geistesfeindlichkeit! Dann trompetet man die eigene ohne Kenntnis gewonnene Erkenntnis heraus: “Es gilt im Islam (wie in jedem Rechtsystem) der Grundsatz: Die neue Sure ersetzt die alte!” ‘Der Islam’ ist, werter Herr, 1. kein Rechtssystem und 2. ist die Aussage, dass ältere Suren durch neuere Suren aufgehoben werden (und dazu noch alle), unter islamischen Gelehrten durchaus umstritten. Dafür müsste man durchaus “Altarabisch” können, was natürlich unnötig ist. Ach, diese Islamwissenschaftler, immer wollen sie, dass man denkt, bevor man etwas schreibt… Böse, böse.
Da passt es ins Bild, dass einen Monat vorher (11.2.), eine weitere Buchrezension, in der ein Rezensent sich ohne jegliche Kenntnis der neueren Forschung zum Koran (z.B. von einer Wissenschaftlerin, die “Altarabisch” kann: Angelika Neuwirth; von dem Fund eines interessanten Palimpsests aus der Frühzeit der islamischen Gemeinde, ganz zu schweigen) darüber auslässt, dass der Koran und auch die Gestalt des Propheten Muhammad nicht das sind, was Muslime sagen (und auch die bösen Islamwissenschafter). Dass der Rezensent auch die Fachkritik nicht kennt (oder kennen will), verwundert auch nicht sonderlich. Schließlich müsste man dann etwas von “Altsemitisch” verstehen…
Es wäre eigentlich lustig: Allerlei Leute, die etwas gegen eine Religion, gegen einen Religionsgründer oder gegen die Grundschrift einer Religion haben und sich nicht näher damit beschäftigt haben (bzw. dies auch nicht wollen) dekretieren, was diese Religion, dieser Religionsstifter oder diese Schrift sind bzw. waren; diejenigen, die sich damit näher beschäftigen, sei es aus gläubiger oder wissenschaftlicher Sicht, werden mit Arroganz davon gejagt. Hoffen wir, dass eine Zeit kommt, in der man darüber lachen kann!

16. Februar 2011

Links

Veröffentlicht in Uncategorized tagged , , , , , , , um 3:13 nachmittags von lohlker

Zwei interessante Links:

Islamkritik

Proteste Tunesien – Ägypten

19. September 2010

Islamophobie, antimuslimischer Rassismus

Veröffentlicht in Uncategorized tagged , , , um 7:41 vormittags von lohlker

Einige Überlegungen zur Geschichte eines Phänomens:

Antimuslimischer Rassismus

8. Mai 2010

Spät…

Veröffentlicht in Islamfeindliches tagged , , , , , um 2:51 nachmittags von lohlker

Die Wiener ÖVP hat das Vorstandsmitglied des Wiener Akademikerbunds, Christian Zeitz, ausgeschlossen. Nicht wegen antimuslimischer Äußerungen, die wohl eher unter lässliche Sünden fallen, aber wegen Ablehnung des Gesetzes gegen NS-Wiederbetätigung. Man könnte ins Grübeln geraten über gewisse Zusammenhänge…

1. April 2010

Akademiker und Akademiker

Veröffentlicht in Islamfeindliches tagged , , , , , um 5:32 nachmittags von lohlker

Der Wiener Akademikerbund, eine (wohl inzwischen ehemalige?) Vorfeldorganisation der Österreichischen Volkspartei (ÖVP), hat ein Papier verfasst und u.a. an den österreichischen Vizekanzler Pröll zur Kommentierung verschickt. Soweit nicht bemerkenswert. Der Inhalt ist aber doch bemerkenswert: Gefordert wird eine “generelle Beendigung der Einwanderung”, Personen mit “nachweisbarem Asylanspruch” dürfen noch herein (wer wird das aber nachweisen können?), die weitgehende “Rückgabe von derzeitigen EU-Kompetenzen an die nationalstaatlichen Souveränitäten”, eine “fundamentale Korrektur” der Fristenregelung, das Gleichbehandlungsgesetz (gegen Benachteiligung von Frauen) müsse “ersatzlos gestrichen werden”, eine “Entzauberung der Justiz” wird gefordert und auch für das Gesetz zum Verbot nationalsozialistischer Wiederbetätigung müsse eine “ersatzlos Aufhebung” her. Ein Konglomerat aus Ani-Einwanderungs-Propaganda, Anti-EU-Propaganda, Anti-Abtreibungs-Propaganda, Anti-Emanzipations-Propaganda, die rechtstaatliche Kontrolle durch die Justiz wird angegriffen und einer als Befürwortung der freien Rede getarnten Freigabe nazistischer Propaganda. Ein Gemisch, dass bisher eher nicht aus dem Umfeld einer konservativen Partei gekommen wäre, weiter rechts liegende Regionen wären eigentlich das natürliche Biotop solcher Ideen.
Die Aufregung ist groß; die Wiener Organisation wird aus dem gesamtösterreichischen Akademikerbund geworfen; zwei Vorstandsmitglieder, u.a. Christian Zeitz, aus der ÖVP ausgeschlossen.
Etwas fehlt noch. Und der Name Christian Zeitz gibt den Hinweis: Anti-muslimische Propaganda. Wie bereits in diesem Blog erähnt, wurde Herrn Zeitz in der “Qualitätszeitung” (so die Eigenwerbung) ‘Der Standard’ sehr viel Raum gegeben, um seine antimuslimischen Ergüsse aufs Papier zu bringen. Dass der Wiener Akademikerbund dann auch noch ein Forderungskatalog mit Sonderbehandlungen für Muslimen aufstellt, basierend auf seiner profunden Kenntnis der dauerhaften “Bestandteile des Glaubensgutes gläubiger Moslems”, verwundert schon gar nicht mehr. Verwunderlich ist aber, dass eine öffentliche Reaktion darauf ausgeblieben ist. Dass in der aktuellen Krise dem Akademikerbund nichts besseres einfällt, als ihre Verteidigung mit einem Angriff auf den Wiener SPÖ-Gemeinderat und Integrationsbeauftragten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich zu garnieren.
Man mag geneigt sein, dass ganze als Posse abzutun. Es zeigt sich aber eines: antimuslimische Positionen führen recht schnell zur Ablehnung der Gleichbehandlung von Frauen, Großzügigkeit gegenüber Nazis etc. pp. Es handelt sich um kein Kavaliersdelikt.

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