26. Februar 2012
Christliche Gelassenheit
Herr Michael Prüller, Kommunikationschef der Erzdiözese Wien, kommuniziert wieder. Einmal beschwört er “die christliche Gelassenheit” als “Grundmelodie des Abendlandes”, wenn die Sonne dann vor Scham versunken ist, reißt’s ihn wieder und die Gelassenheit hat sich in Luft aufgelöst. Er schreibt über ein “Kulturchristentum”:
“das mit “Liebe deinen Nächsten”, Traumhochzeiten in Kathedralen, dem Pflegehospiz, einer “schönen Leich” und dem Umstand, dass Frauen keinen Schleier tragen zu tun hat”.
Und dann kein Wort darüber, dass das letztgenannte Element des “Kulturchristentums” nur wieder einmal ein antimuslimisch geprägtes ist. Das bloße Referieren von Aussagen, ohne sich damit auseinanderzusetzen, dient nur der Bestärkung eines Diskurses, in diesem Falle der Bestärkung des antimuslimischen Diskurses. Das sollte eigentlich ein “Kommunikationschef” wissen.
20. November 2011
Clash mit der Kultur
Herr Prüller hat seine Kultur wieder mit anderen zusammenprallen lassen (Die Presse, 20.11.2012, S.47). Das ergibt ganz aufschlussreiche Geräusche. Es geht um den Satz des Ressentiments “Na, das sollten sie sich einmal mit dem Islam trauen!”, zu dem er sich bereits geäußert hatte.
Herr Prüller gibt sich zuerst ausgewogen. Statt Einschränkungen des Praktizierens von Religion könne man lieber Schmähungen der eigenen Religion hinnnehmen. So sieht er es im Falle des Schweizer Minarettverbots. Und, schwupps, sind wir beim Islam.
Denn jetzt wird der “Chef einer wehrhaft gegen die Christenverfolgung in Nigeria auftretenden Gruppe” zitiert, der nicht bereit ist, die andere Backe hinzuhalten. Im Klartext: Er wird gewaltätig. Herr Prüller dazu: “Das hat was.” Und erklärt dann, dass er, wenn eines seiner Kinder erschlagen wird, auch nicht die andere Backe hinhalten werde. Also: siehe den christlichen Milizenchef in Nigeria. Nur zu verständlich, aber die Tünche der Zivilisiertheit platzt sehr schnell ab.
Die Zensur ist durchbrochen: Wenn “ihr” meine Interessen bedroht, dann werde ich auch gewaltsam ‘wehrhaft’ sein? Böse Lesart, aber sie springt mich so an. Vergessen wird von Herrn Prüller, dass in Österreich und in Europa Muslime hauptsächlich demonstriert haben (manchmal bei Splittergruppen mit widerlichen Parolen), also nichts, gegen das es sich ‘wehrhaft’ zu verhalten gebe. Geschenkt, dass das syrische Regime Mengen gegen die berüchtigten Karikaturen demonstrieren ließ. Was für ein Regime das war und ist, sehen wir jetzt jeden Tag erneut. In Europa gibt es wenig Anlass christlich ‘wehrhaft’ gegen Muslime zu sein. Und das “Na, das sollten sie sich einmal mit dem Islam trauen!” wird erkennbar als: Wir wollen auch! Und das insbesondere gegen die ‘Anderen’, über die man nur fantasiert, die ‘Anderen’, die die einzige Wahl nicht treffen wollen, die wir ihnen oktroyiert haben.
Vielleicht sollte auch Herr Prüller erkennen, dass es gar nicht das Problem ist, ob die Wehrhaftigkeit gegen die ‘Anderen’ gerechtfertigt ist. Es gibt nicht nur falsche Lösungen, es gibt auch falsche Probleme.
Nachdem er so offenherzig den verdrängten Untergrund seiner Friedfertigkeit aufgedeckt hat, beschwört Herr Prüller wieder die Wege, “die von zivilisierten (Hervorhebung von mir, d. Verf.) Gesellschaften ja genau für Überzeugungs-Kollisionen entwickelt worden sind: der Rechtsweg und das Mitreden”.
Seine Beispiele sind ein “Ad-Hoc-Komitee für Religionsfreiheit” der us-amerikanischen Bischofskonferenz. Für die, die sich dafür nicht so interessieren: Die Bischofskonferenz hat unter diesem klingenden Namen ein Komitee mit Anwälten und Lobbyisten gegründet, weil die US-Regierung u. a. religiöse Hilfsorganisationen verpflichtet bei der HIV-Prävention Kondome einzubeziehen, wenn sie Geld von der Bundesregierung bekommen. Außerdem wendet sie sich dagegen, dass Antidiskriminierungsgesetze auch für Kirchenmitarbeiter anzuwenden sind – soweit es sich nicht um Kleriker handelt. Dazu geht es auch noch gegen die Neudefinition der Ehe, die bisher nur als Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau verstanden wird.
Dass das zweite Beispiel die Gehaltskürzung und Degradierung eines Briten ist, der sich gegen ein Gesetz über gelichgeschlechtliche Verpartnerungen in Kirchen ausgesprochen hat, ist besonders apart, wenn man zugleich es positiv findet, dass sich die US-Bischöfe dafür sind, dass in ihrem Hause Antidiskriminierungsregeln nicht zu beachten. War da nicht eine Geschichte mit Balken und Splittern? Dass dann noch der Schlüsselbegriff “politisch unkorrekt” auftaucht, der von allen gerne benutzt wird, die ihre Vorrechte und Vorurteile in Gefahr sehen, ist da nur noch konsequent.
Aber, wenn das Mitreden und der Rechtsweg nicht ausreicht, um “den Glauben und die Kirche” zu verteidigen? Wird dann die andere Backe nicht mehr hingehalten? Geht die US-Bischofskonferenz nach dem Vorbild Camillo Torres in den Untergrund? Verlässt Herr Prüller dann den Rechtsweg? Aber ist ja nur in Nigeria so, dass Christen ‘wehrhaft’ sind. Wir brauchen das ja nicht in zivilisierter Gesellschaft!? Oder spricht hier nur die verdrängte Seite der Toleranz? Wir sind nur tolerant bis…
Am Schluss seiner Kolumne ironisiert Herr Prüller seine Worte, denn wir sind ja, liberal.
Herr Prüller ist sicherlich ein toleranter Mensch, ja.
Ich werde wohl trotz kalten Wetters doch einmal wieder durch den Sigmund-Freud-Park spazieren gehen und über Verdrängungen sinnieren…
25. September 2011
Crash der Logik
Der Kommunikationschef der Erzdiözese Wien und ehemalige stellvertretende Chefredakteur der Wiener Tageszeitung “Die Presse” hat wieder einmal seine Kolumne mit dem Titel “Culture Clash” produziert (Die Presse 25.09.2011, S.47). “Es muß ja Ärgernis kommen” (Ich weiß, es ist nicht die katholische Version, aber es musste einfach sein).
Er stellt fest: “Man soll natürlich nicht kleinreden, dass es tatsächlich für Vorstellungen wie die Gleichwertigkeit der Frau oder die Religionsfreiheit eng werden könnte, wenn es von heute auf morgen eine muslimische Mehrheit im Lande gäbe.” Dann folgt – immerhin – der Hinweis, dass Projektion des demographischen Instituts der Österreichischen Akademie der Wissenschaften bis 2051 von nicht mehr als 14-18 Prozent MuslimInnen in Österreich ausgehen.
Warum der erste Satz? Sehen wir vom Konjunktiv ab, sehen wir auch von der hübschen Formulierung “Gleichwertigkeit der Frau” ab, nicht Gleichberechtigung… Der antimuslimische Diskurs ist einfach zu stark. Es musste einfach der Gedanke heraus, dass eine muslimische Mehrheit zwangsläufig den Status von Frauen bedroht und auch die Religionsfreiheit. Es kann gar nicht anders sein. Das weiß man einfach tief im Inneren. Ohne irgendetwas zu wissen… Solche Sätze sind doch eine Festmahl für Diskursanalytiker!
Zugleich weiß man, dass es nicht stimmt. Zumindest soweit wir seriöse demographische Projektionen haben, die dem werten Schreiber präsent sind. Es gibt keinen Anhaltspunkt für das erste Szenario. Trotzdem müssen wir das Schreckbild beschören, dürfen es nicht “kleinreden”. Die Frage schleicht sich an: Ist es wirklich nur der Diskurs der spricht? Oder ist es eine Kommunikationsstrategie des Kommunikationschefs, um eine eigene Klientel zu bedienen, die solche Schreckensszenarien sich genüsslich ausmalt? Oder ist einfach die Logik vor dem Erreichen der Kolumne in einen Unfall mit Totalschaden verwickelt worden?
Fragen? Fragen? Und keine Antworten. Oder doch?
23. August 2011
Ach ja…
Die Morde in Norwegen haben ja zu einigen verzweifelten Versuchen der Selbstentschuldung seitens derer geführt, die das gesellschaftliche Klima mitproduziert haben, in denen so etwas gedeiht. Eine weitere Selbstentblößung ist zu vermelden. Herr Grigat hat einen Kommentar in der Tageszeitung “Die Presse” abgesetzt.
Wir erfahren, dass jegliche Kritik ihres von jeglicher Kenntnis ungetrübten antimuslimischen Furors ihm und seinesgleichen fürchterlich Unrecht tut. Er klagt Sympathien des norwegischen Attentäters für ein bestimmtes Islambild an: das des mysogynen, autoritären, kollektivistischen Islam. Nur findet aich – oh Wunder – kein Partikelchen eines anderen Islambilds in Herrn Grigats Kommentar. Vielleicht weil sein Islambild so ähnlich ist. Dann addiert er noch Antisemitismus, rechtsradikale Einbettung und das simple Weltbild des ‘kritischen Theoretikers’ ist wieder in Ordnung. Er hat halt immer recht gehabt und darf weiterhin an seine Heiligen Adorno und Horkheimer glauben.
25. Juli 2011
Hausgemachter Terrorismus
Eigentlich sollten die Ereignisse doch einige Leute dazu bringen, beschämt zu schweigen. Michael Fleischhacker, seines Zeichens Chefredakteur der Wiener Tageszeitung “Die Presse” hat u.a. am 15.09.2007 (andere Beispiele ließen sich mehr als genug finden) nicht umhin können zu kommentieren. Unter dem Titel “Das Problem ist der Islam” findet er u.a. “Menschen, die einfach nicht in der Lage sind, auf Distanz zu Terroristen zu gehen, die dieses Buch für ihre Zwecke missbrauchen”. Die wunderbar pauschale Verurteilung aller MuslimInnen weltweit erhebt ihr Haupt, hervorgekitzelt von jemanden, der sich wirklich auskennt. Der Schluss des Kommentars ist denn bezeichnend mit seiner Betonung des ‘Kampfes der Kulturen’: “Der findet nämlich längst statt, weltweit, zwischen Gesellschaften, die Religion und Politik trennen, und solchen, die das nicht tun. Wer das nicht sieht, hat schon verloren.”
Und jetzt, nach Oslo und Utoya, als jemand das ‘gesehen hat’, was viele der ehrbaren ‘Islamkritiker’ sehen, und danach gehandelt hat, kommentiert Herr Fleischhacker wieder (Die Presse 25.07.2011): “Man muss einfach zur Tagesordnung übergehen”. Er proklamiert man müsse nicht “die Quellen für die wirren Fantasien eines Psychopathen” suchen. Man könnte vielleicht ja zu viele der ehrbaren Menschen finden, “die in der wirlichen Welt ein ehrbares Leben führen”. Vielleicht auch Journalisten? Es wundert nicht, dass diejenigen, die das Klima bereiten, in dem Attentäter nun ja keine Brandstifter gewesen sein wollen: “Menschen, die mit den gesellschaftlichen Veränderungen, die Zuwanderung und kulturelle Entgrenzung mit sich bringen, nicht zurecht kommen, als Terror-Brandstifter zu denunzieren, wird das Problem nicht lösen. Man kann nur zur Tagesordnung übergehen.”
Man braucht wohl keine tiefschürfende Analyse, um hier jemanden zu sehen, der kräftig an der eigenen Selbstentschuldung arbeitet. Stellen wir uns einmal vor, es wäre der Attentäter ein sich islamisch legitimierender Terrorist gewesen: Was wäre dann die Reaktion des Herrn Fleischhacker und seine Worte zu ‘dem Islam’ allgemein? Verständnis? Gehen wir zur Tagesordung über?
Es kann jetzt niemand mehr behaupten, er/sie habe nicht gewusst, wohin die innergesellschaftliche Feinderkärung führen kann: zu dieser Art homegrown terrorist aus der Mitte einer europäischen Gesellschaft.
Oder mit den Worten aus einem Interview aus dem Konkurrenzblatt der “Presse”:
Es geht gegen Muslime und Migranten. Das schafft ein Milieu, und in diesem Milieu gibt es labile Täter, die dann zuschlagen. Man wird erkennen müssen, dass das Klima des Zusammenlebens versaut werden kann und dass damit Gefahren heraufbeschwört werden können. Wenn alle Fakten bekannt sind, wird man erschrocken darüber sein, was Sprüche über andere – falsch beschreibende, verurteilende, herabsetzende – auslösen können. Sie können zu einer kompakten Weltanschauung werden.” (derstandard.at 24.07.2011)
Manchmal hoffe ich immer noch, dass gewisse Leute wenigstens im stillen Kämmerlein schamrot werden.
Und noch ein kluger Artikel dazu:
Das Massaker als ideologisches Fanal
27. März 2011
Zeitungsüberschriften und Wirklichkeit
Normal scheint es zu sein, dass bestimmte Presseorgane reißerische Überschriften pflegen, um die Aufmerksamkeit des Publikums zu erwecken. Deswegen ist es nicht akzaptabel.
Von einer Tageszeitung, die sich selbst als Qualitätszeitung deklariert, und zumal in einer Beilage, die “Rechtspanorama” betitelt ist, erwartet man eigentlich eine andere Vorgehensweise. “Die Presse” vom 21.03.2011 (zitiert nach der Onlineausgabe) tritt den Gegenbeweis an.
Sie schreit uns entgegen: “Scharia darf in Österreich angewandt werden”. Die Panik, die die “Panikmacher” erzeugen wollen, greift um sich. Jetzt ist die Unterwanderung geschehen! Karl Martell, der sich im Titel eines einschlägigen österreichischen Blogs findet, hat sicherlich schon sein Schwert gezückt…
Worum geht es eigentlich? Es gibt im Recht ein Teilgebiet, das sich IPR, ausgeschrieben Internationales Privatrecht. Wer einmal Recht studiert hat, mag über so etwas wie Rabels Zeitschrift für ausländisches und internationales Privatrecht gestolpert sein, wo sich allerlei zu diesem Thema finden lässt. Und genau dieses Gebiet ist berührt. Es geht, kurz formuliert, um den Teil des nationalen Rechts, der über das materielle Privatrecht entscheidet, das inländische Behörden und Gerichten nach bestimmten Regeln anzuwenden haben, wenn es um Angelegenheiten mit Auslandsbezug geht. Es ist schlicht der rechtliche Normalfall, wenn Gerichte ausländisches Recht anwenden. Anders würde das internationale Rechtsleben – auch im Familienrecht – nicht funktionieren. Auch österreichische Ehepaare im Ausland werden bei Streitigkeiten nicht anders behandelt (Ausnahme s.u.).
Also: Ein österreichisches Gericht hat in einem ganz normalen Fall ganz normal entschieden. Nur – und jetzt kriecht die Panik aus allen Löchern – es geht um den Fall eines saudischen Ehepaares, das in Saudi-Arabien geheiratet hat und dann in Österreich ein anscheinend ziemlich unglückliches Eheleben geführt hat, was schließlich zur Scheidung führte. Ob der Frau Unterhalt zustehe, war die Streitfrage. Der Oberste Gerichtshof entschied schließlich, der Frau stehe kein Unterhalt zu, der ihr auch nicht nach saudi-arabischem Recht zugestanden hätte. Die Vorinstanzen hatten entschieden, dass diese Regel des saudischen Rechts nicht dem österreichischem ordre public entspreche und deswegen der Frau Unterhalt zugesprochen. Es war dem zuerst zuständigen Bezirksgericht (laut Zeitungsartikel) nicht möglich gewesen, das saudisch-arabische Recht zu ermitteln, aber da es sich um islamisches Recht handelt, kann es nur dem österreichischen ordre public widersprechen, um es etwas zugespitzt zu formulieren. Wenn es denn stimmt, ist eine solche Begründung recht herzerfrischend offen: Wir wissen zwar nichts…
Der Oberste Gerichtshof entscheidet anders, denn das österreichische Recht sehe bei Scheidung aus beiderseitigem Verschulden Unterhalt nur in Ausnahmefällen vor. Wenn nun saudi-arabisches Recht keinen über drei Monaten hinausreichenden Unterhalt vorsieht, widerspreche es nicht dem österreichischen Recht – denn dort schaut es eben in vergleichbaren nicht besser aus. Vielleicht also ein Fall für eine Reform des Unterhaltsrechts, Verzicht auf das Schuldprinzip oder ähnliche Dinge, könnte man denken. Warum also die Aufregung?
Kehren wir zum Artikel im “Rechtspanorama” der “Presse” zurück! Der Verfasser des Artikels schreibt: “Ist das saudiarabische Eherecht in Österreich anwendbar? Mit dieser Frage musste sich nun erstmals der Oberste Gerichtshof beschäftigen. Und tatsächlich kamen die Höchstrichter zu dem Schluss, dass zumindest Teile der in Saudiarabien geltenden Scharia auch hierzulande anzuwenden sind.” Da haben wir also die Quelle der Überschrift! In Saudi-Arabien wird auf schariatische Regeln und Gelehrtenmeinungen in diversen Rechtsgebieten zurück gegriffen, eben auch im Familien- und Unterhaltsrecht. Eine Tatsache. Aber, wenn wir daraus eine Überschrift machen, die nur Scharia enthält und damit das Panikbild von Handabhacken, Zwangsverschleierung u.a.m. beschwört, dann haben wir einen Artikel, der Aufmerksamkeit erregt… Zeugt das von guter journalistischer Qualität?
Nun gibt es Details im saudi-arabischen Rechtssystem, die zu berücksichtigen wären (und von den Gerichten den Anschein nach ebenfalls nicht berücksichtigt wurden): dass z.B. eine bestimmte Ausprägung einer der sunnitischen Gelehrtendiskussion über schariatische Fragen in Saudi-Arabien vorherrschend ist: die hanbalitische. Nicht die gesamte komplexe schariatische Diskussion mit ihrer langen Geschichte wird herangezogen. Nicht einmal die politisch instrumentalisierte udn degenerierte Form der Scharia insgesamt ist also das Thema. Es geht um einen Ausschnitt aus schariatischen Regeln, der österreichischem Recht nicht widerspricht, in einem genau definierten Rechtsbereich, der bestimmte Ausnahmefälle mit Auslandsbezug betrifft.
Am 24.3. kann derselbe Journalist Vollzug melden. Er hat einen Skandal angerührt. Bebildert wird der zweite Artikel mit einem Niqab-Bild (Hast du ein Burqa-Bild für meinen Artikel??), wen wundert es noch. Der Sprecher der Justizministerin wittert am Obersten Gerichtshof “Rechtsauffassungen, die diametral dem westlichen Wertegerüst widersprechen”. Meint der Sprecher österreichisches Unterhaltsrecht? Da schau her! Der Frauenministerin ist zuwider, dass Richter einen Interpretationsspielraum haben, von den Regeln des IPR weiß sie anscheinend nichts. Und den Zweck gerichtlicher Instanzen sollte ihr vielleicht erläutert werden. Dass manche Parteien versuchen daraus politisches Kleingeld zu prägen, verwundert nicht.
Das Justizministerium räumt allerdings ein, dass die Richter sich im Rahmen der Gesetze korrekt verhalten hätten. Die müssten sich ja ändern lassen, also werde eine Gesetzesänderung überlegt. Denn so der Sprecher noch einmal. Die Rechtsprechung “hat nach den Werten der christlichen, zivilisierten, westlichen Welt zu erfolgen und jedenfalls nicht nach der Scharia.” Richterliche Unabhängigkeit kein “westlicher” Wert? Bindung an das Gesetz? Ändern wir es eben! Teilnahme am internationalen Rechtsverkehr? Darauf können wir doch verzichten!
Unser Journalist hat es also geschafft: Aus einem unbedeutenden Rechtsfall hat er einen “Wertekonflikt” gemacht. Aus einer Mikrobe einen Elefanten. Das eigentliche Rechtsproblem, die “eigenen” unterhaltsrechtlichen Regeln, fallen unter den Tisch und die Panik wird weiter geschürt. Gratulation! So wird dem Fortschritt auf die Beine geholfen!
12. März 2011
Was noch so in der Zeitung steht…
Eine Woche Lektüre zu islambezogenen Themen in der österreichischen Qualitätszeitung “Die Presse”: Die letzte Woche endete (5.3.) mit einer Besprechung zweier Bücher über die Geschichte einer (lange: der) Münchener Moschee, die Förderung bestimmter muslimischer Strömungen durch das Deutsche Reich und die Weiterförderung durch die Bundesrepublik Deutschland und die USA im Kalten Krieg. Beide Bücher enthalten eine Vielzahl von interessanten Informationen über vergangene Geschehnisse, aber auch anderes. Und das wird vom Rezensenten (wohl aus Nachlässigkeit) unbefragt zitiert: Es geht “um die still und heimlich vorangetriebene Islamisierung Europas”. Da es hauptsächlich um deutsche Geschichten geht, nehmen wir einmal an, dass Frau Merkel inzwischen heimlich ein Kopftuch trägt? Diese heimtückischen Musliminnen!
Munter weiter geht es in der “Presse” am Freitag (11.3.). Ingrid Thurner bemüht sich redlich in einer Erwiderung auf einen Kommentar von Thomas Kramer (2.3.) zu erklären, dass das Beschwören von Unfrieden zwischen Menschen gegeneinander keine lässliche Sünde ist, gleich ob durch Politiker oder Kolumnisten. Außerdem versucht sie darzulegen, dass die Auslegung heiliger Schriften ein diffiziles Geschäft ist, in dem man sich besser auskennen sollte.
Leider hat die “Presse” dem Verfasser des neben Frau Thurner stehenden Kommentars, ihren Text nicht zur Lektüre überlassen. Aber, genützt hätte es vermutlich nichts. Dieser, ein früherer ARD-Korrespondent für Südosteuropa in Wien, Detlef Kleinert, reagiert auf einen Leserbrief von Tarafa Baghajati (4.3.), der sich erdreistet (so die Wahrnehmung des Herrn Kleinert, steht zu vermuten), zu schreiben, der Koran propagiere keine “Aggression gegen Anders- und Ungläubige”. Nun ist es vermessen, dass ein Muslim sich anmaßt, sich über sein Verständnis der grundlegenden Schrift seiner Religion zu äußern. Dies dürfte jedem Leser, jeder Leserin sofort einsichtig sein. Da muss ein gestandener Journalist einschreiten. Herr Kleinert beglückt uns mit seinen Lesefrüchten aus dem Koran, ohne vermutlich die geringste Ahnung zu haben, dass es eine Auslegungsgeschichte des Korans und vielfältige Disziplinen, die sich dem Koran widmen, geben könnte. As-Suyuti (gest. 1505), sicherlich eher ein fleissiger Kompilator als ein origineller Gelehrter, hat sich aber z. B. in seinem unter sunnitischen Gelehrten häufig benutzten Werk über die Disziplinen, die sich mit dem Koran beschäftigen, das den Titel al-Itqan trägt, in über neunzig Kapiteln mit den vielen einzelnen Art und Weisen, mit denen man sich mit dem Koran anzunähern hat, beschäftigt. Herr Kleinert meint, dass bloße Lesen von Übersetzungen mache ihn zum Korankenner… Details stören halt bei der Panikmache.
Wir wollen jetzt nicht auf die einzelnen Verse eingehen, mit denen uns Herr Kleinert aus der Fülle seiner Gelehrsamkeit beglückt. Ein solches Unterfangen würde Gutwilligkeit auf Seiten des Herrn Kleinert voraussetzen. Dass dieser dann das beliebteste Fantasieprodukt sogenannter Islamkritiker herbeizitiert, lässt daran aber zweifeln. Es handelt sich um die Taqiya. Was ist dies nach Meinung des Islamexperten Detlef Kleinert? Wir erfahren: Man (d. h. Muslime) darf “gegenüber Ungläubigen zu jeder Lüge greifen”. Nachdem diese Fatwa von Herrn Kleiner formuliert wurde, ist klar, Baghajati kann nur lügen. Zum Beleg, dass Baghajati nur lügen kann, zitiert Herr Kleinert den iranischen Ayatollah Khamenei. Dass es das so kleine Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten gibt, kann der Ex-Auslandskorrespondent natürlich ignorieren. Details stören bei der Panikmache.
Vielleicht hätte “Die Presse” Herrn Kleinert einen Artikel von Anne-Cathrin Simon vom 6.3.2008 geben sollen, der treffend über die taqiya und die Debatte darum schreibt. Wir können dort auch von schrecklichen Akten der taqiya erfahren, so dem, dass ein offensichtlich muslimischer Taxifahrer sich nicht an eine Preisvereinbarung gehalten habe. Herr Kleiner schreiten Sie ein! Auch erfahren wir im Artikel von Simon (der sich sehr auf einen Artikel des Verfassers dieser Zeilen stützt), dass taqiya ein hauptsächlich von Schiiten vertretenes Konzept ist, dass es erlaubt, seinen Glauben zu verleugnen, wenn Gefahr für Leib und insbesondere Leben besteht. Eine reservatio mentalis, die in erster Linie für weniger mutige Gläubige gilt. Begründet ist dies in der jahrhundertelangen Verfolgung von Schiiten durch andere Muslime. Deshalb git es ähnliche Ideen auch bei anderen Minderheiten. Aber: Details stören bei der Panikmache!
Dann macht Herr Kleinert nach den vier Schritten voran einen halben Schritt zurück. Es gibt auch die Muslime, “die ihrer Religion verpflichtet sind und friedlich unter uns leben”. Die Bösen sind dagegen die Dschihadisten. Auch wenn es Herr Kleinert vielleicht nicht will (Panikmache stört halt das Nachdenken): Er rückt Baghajati damit in die Nähe von Dschihadisten, wenn er unterstellt, dieser befürworte insgeheim die Gewalt “gegen Anders- und Ungläubige”, die Kleinert im Koran findet. So lässt sich sein Vorwurf der Lüge über den Koran durchaus verstehen.
Die Frage sei übrigens erlaubt: Wenn Muslime “ihrer Religion verpflichtet sind”, sich auch ihrer heiligen Schrift verpflichtet fühlen, pflegen sie dann auch taqiya? Und welche Strafe blüht ihnen?
Wir können es ahnen: Zum krönenden Abschluss präsentiert uns Herr Kleinert nämlich den Kriegsruf der sogenannten Islamkritiker: Er spricht mutig, denn er ist ein Tabubrecher (merkwürdig, dass dieser Begriff fehlt), den “totalitären Charakter des Koran” an. Abgesehen vom simplen Anachronismus des Begriffs, versucht er damit zu beschönigen, dass er mit ihrer Grundschrift eine Religion und alle Gläubigen als gewalttätig denunziert und behauptet, dass man keinem Muslim (und auch keiner Muslimin) trauen darf. Natürlich will Herr Kleinert uns damit sagen, dass er zur Spezies der wehrhaften Demokraten gehört und die Muslime zum Anderen der Demokratie gehören, dem Totalitarismus. Was machen wir denn mit diesen Feinden der Demokratie, Herr Kleinert? Einem Demokraten kann es vor diesen totalitären Demokraten schon schaudern.
Geradezu kurios ist, dass die Koranlesekunst der Herren Kleinert & Co. das Spiegelbild der Koranlesekunst extremistischer Muslime, die ebenfalls dazu neigen, sich für die Reflexion nicht zu interessieren. Eine interessante Gesellschaft.
Die Kleinerts dieser Welt sollten allerdings nicht behaupten, sie wüssten nicht, was sie tun. Auf den letzten Seiten des Buches Die Panikmacher von Patrick Bahners finden sich dazu treffende Worte.
Zur Ehrenrettung der “Presse” trägt der Cartoon auf der Seite, auf der sich die beiden Kommentare finden, bei, der treffend illustriert, wohin die Geisteshaltung der Kleinerts führt.
Der Samstag bietet ein besonderes Schmankerl. Ein Leserbriefschreiber erklärt sich großzügig bereit, Orientierung in der Islamdiskussion zu geben: Zuerst einmal tun wir so, als seien wir verwirrt. Dann immunisieren wir uns gegen Kritik, durch die, die sich vielleicht auskennen (Muslime zählen eh nicht): die Islamwissenschaftler. Da macht man sich vorsichtshalber darüber lustig, dass diese Akademiker erwarten, dass man sich zuerst einmal etwas mit den Dingen beschäftigt, über die man leichthin urteilt. Auch sogar die Sprache soll man kennen, lächerliches “Altarabisches” nach Meinung des kenntnisreichen Schreibers. Oh du selige Geistesfeindlichkeit! Dann trompetet man die eigene ohne Kenntnis gewonnene Erkenntnis heraus: “Es gilt im Islam (wie in jedem Rechtsystem) der Grundsatz: Die neue Sure ersetzt die alte!” ‘Der Islam’ ist, werter Herr, 1. kein Rechtssystem und 2. ist die Aussage, dass ältere Suren durch neuere Suren aufgehoben werden (und dazu noch alle), unter islamischen Gelehrten durchaus umstritten. Dafür müsste man durchaus “Altarabisch” können, was natürlich unnötig ist. Ach, diese Islamwissenschaftler, immer wollen sie, dass man denkt, bevor man etwas schreibt… Böse, böse.
Da passt es ins Bild, dass einen Monat vorher (11.2.), eine weitere Buchrezension, in der ein Rezensent sich ohne jegliche Kenntnis der neueren Forschung zum Koran (z.B. von einer Wissenschaftlerin, die “Altarabisch” kann: Angelika Neuwirth; von dem Fund eines interessanten Palimpsests aus der Frühzeit der islamischen Gemeinde, ganz zu schweigen) darüber auslässt, dass der Koran und auch die Gestalt des Propheten Muhammad nicht das sind, was Muslime sagen (und auch die bösen Islamwissenschafter). Dass der Rezensent auch die Fachkritik nicht kennt (oder kennen will), verwundert auch nicht sonderlich. Schließlich müsste man dann etwas von “Altsemitisch” verstehen…
Es wäre eigentlich lustig: Allerlei Leute, die etwas gegen eine Religion, gegen einen Religionsgründer oder gegen die Grundschrift einer Religion haben und sich nicht näher damit beschäftigt haben (bzw. dies auch nicht wollen) dekretieren, was diese Religion, dieser Religionsstifter oder diese Schrift sind bzw. waren; diejenigen, die sich damit näher beschäftigen, sei es aus gläubiger oder wissenschaftlicher Sicht, werden mit Arroganz davon gejagt. Hoffen wir, dass eine Zeit kommt, in der man darüber lachen kann!
13. Februar 2011
Dass man sich immer ärgern muss…
Die österreichische Tageszeitung “Die Presse” hat unlängst einen langen Kommentar veröffentlicht, in dem über die europäischen Werte und ihre Gefährdung raisonniert wurde. Als Kontrastfolie musste – inzwischen wohl automatisch – wieder einmal “der Islam” herhalten. Eine Reaktion meinerseits darauf wurde noch als Leserbrief abgedruckt. Die Reaktion war ein ziemlich untergriffiger Leserbrief des Kommentators. Die Reaktion darauf wurde nicht mehr abgedruckt. Deshalb sei sie hier öffentlich nachgereicht:
“Herr Dr. Schulmeister kennt einige Namen; das ist sicherlich erfreulich für ihn. Nun denn: Dass ein Leserbrief sich auf wenige Punkte beschränken muss, ist natürlich eine unerfreuliche Beschränkung. Daraus zu schließen, dass etwas nicht bemerkt wurde, ist eine rhetorische Scheidemünze.
Interessant am Kommentar von Herrn Dr. Schulmeister ist, dass seine postulierte Wertematrix offenkundig eines Feindbildes in Form des Islams bedarf. Dieses Bild kann natürlich leicht gezeichnet werden, wenn man sich mit Banalitäten in Form von Quellenkenntnis nicht befasst, Dinge, mit denen man es sich “zu leicht” macht. Macht es sich aber Herr Dr. Schulmeister nicht auch etwas “zu leicht”, wenn er schon vor dem direkten Zitat aus der Regensburger Rede (12. September 2006) des Papstes kaum paraphrasiert aus eben dieser abschreibt, ohne dies der geneigten Leserschaft mitzuteilen? Das hätte wohl den Eindruck verdorben, Herr Dr. Schulmeister kenne sich in islamischer Ideengeschichte aus.
Ein kleine “Banalität” sei erlaubt: Ibn Hazm (994-1064) war sicherlich ein hervorragender Literat, sein “Halsband der Taube” ist ein sehr lesenswertes Werk der Weltliteratur. Ibn Hazm war auch Vertreter einer mikroskopisch kleinen Strömung der Schariagelehrsamkeit, die durch die muslimische Geschichte hindurch wenig Resonanz gefunden hat. Der Erforschung dieses einen Gelehrten hat Roger Arnaldez sein wissenschaftliches Werk gewidmet. Aus der Meinung eines solch marginalen Gelehrten, die Gottesauffassung “des Islams” zu konstruieren, zeugt davon, dass man Dr. Schulmeister an die “Banalität” erinnern muss, dass man wissen sollte, worüber man schreibt. Aber er braucht halt dringend den “Willkürgott” als Negativfolie, da entledigt sich die Vernunft mit leichter Hand des Wissens – schließlich kann man Namen aufbieten (wenn es nicht reicht, gibt es “viele andere”, die nicht genannt werden). Es reicht auch dann nicht, wenn Rom das letzte Wort hat.
Es mag verführerisch sein, die absolute Superiorität Europas wenigstens im Wertehimmel behaupten zu wollen Mir scheint es sinnvoller, zu einem real weltoffenen Europa beizutragen, das keiner Feindbilder und Abgrenzungen bedarf. “
Sorry, auch das musste ich einmal loswerden
31. Januar 2010
Wenn es doch wenigstens Religionskritik wäre…
Zu: „Blutige Praxis, nicht gedankliche Schrullen“, Stephan Grigat, Die Presse am Sonntag 24.1.2010
Es ist schön, wenn eine Überschrift ehrlich ist. Ein Herr Grigat äußert also seine gedanklichen Schrullen zur Religion. Und verwechselt Polemik mit Kritik.
Man ist geneigt zu sagen, wenn jemand sich die Auseinandersetzung mit Religion nur auf der Basis von Witzeleien vorstellen kann, erübrigt sich die weitere Lektüre. Da es mal wieder um „eine Kritik des Islam“ gehen soll, ist ein näherer Blick interessant.
Mit der Geschichte scheint der Verfasser Probleme zu haben. Er suggeriert Debatten über Religion seien mittelalterlich und verwechselt Debatten über Religion mit solcher religiöser Art. Aber es geht natürlich darum, Religion als mittelalterlich zu disqualifizieren. Und es geht eigentlich nur um den Islam codiert als Dschihadismus. Muslimische Kritik an letzterem fällt aus dem Rahmen des Weltbildes. Morde an Abtreibungsärzten und anderen in den USA, an Ministerpräsidenten in Israel, an Muslimen in Indien – uninteressant. Der fürchterliche Angriff auf den Karikaturisten Westergaard wird für die Zwecke des Herrn Grigat ausgebeutet – und die muslimische Kritik an diesem Attentatsversuch kommt natürlich auch nicht vor.
Es geht Grigat nicht um die komplexe Realität oder gar um Analyse. Es sei ihm natürlich freigestellt, koscheres Essen oder Speisen, die halal sind, Probleme mit dem Schlachten von Kühen etc. für obskur zu halten. Ob das als kritische Analyse taugt, mag füglich bezweifelt werden.
Die verzerrte Realitätswahrnehmung des Herr Grigat zeigt sich, wenn er die teilweise tragischen Auseinandersetzungen um die dänischen Karikaturen in einen mittleren Aufstand am halben Globus verdreht. Eine hundertköpfige Gruppe in Karachi geht eigentlich nicht einmal als nennenswerte Verkehrsbehinderung durch. Die Religionskritik steigert sich zu neuen Höhen in der brillanten Bezeichnung des Dalai Lama als „esoterischer Spinner“ und bei der wahrhaft kritischen Analyse kirchlicher Hierarchien als „Mob“. Besonders schlimm wiederum der „jihadistische Islam“. Da kann nur der Fetisch der Aufklärung helfen!!!
Auftritt allerlei marxoider Worthülsen wie der Religionskritik bzw. der materialistischen Kritik! Unvermeidlich werden die Fetische der kleinen Welt des Herrn Grigat herausgeholt: Wenn Max Horkheimer etwas gesagt hat, muss es wahr sein. Andere Götzen sind Kant, Feuerbach, Marx, Freud und Sartre. Gut fundamentalistisch werden Bruchstücke von ihnen zitiert. Auch Giordano Bruno wird dann noch geschändet.
Recht schön wird der kritische Gestus als reine Pose erkennbar, wenn die „Mindeststandards bürgerlicher Aufklärung“ aufgerufen werden. Gibt es eine Normvorschrift Ö123/10 Aufklärung unter der wir dann Nachlesen dürfen, was das standardisierte Denken à la Grigat beinhaltet. Und schreitet dann die Denkpolizei ein, wenn die falschen Gedanken gedacht werden? Die „Kritik“ als Meinungsdiktatur, apart.
Es kommt nun endlich ein anderer Standard zur Anwendung. Man nehme ein Foto einer extremistischen Kundgebung zum Karikaturenstreit, man nehme einen EU-Parlamentierer, der Sozialdemokrat ist, eine Aussage einer Vertreterin der österreichischen Islamischen Glaubensgemeinschaft, die man nur als Drohung interpretieren, wenn man die Zwangsvorstellung eines gewaltsamen Islam hat, und die Äußerung einer wirklich marginalen Person extremistischer Überzeugung, des einzige Bedeutung darin besteht, dass er es zum bisherigen gerichtlich anerkannten Dschihadisten in Österreich gebracht hat. Und schon haben wir das Schreckbild „des Islams“ zusammen, unterstützt durch die „etablierte Linke“. Nebenbei kann man sich dann auch noch von den Vertretern des christlichen Abendlandes abgrenzen. Schon ist es geschafft, Herr Grigat (& Co.) wird zum einzigen Vorkämpfer von „Emanzipation, Aufklärung und Humanismus“.
Zum krönenden Schlusse kommt Herr Grigat zu dem, was ihn eigentlich umtreibt: Es müssen „Unterschiede zwischen den Religionen“ getroffen werden. Im Klartext heißt das, „den Islam“ zum Feindbild der Grigatschen Religionspolemik zu machen. Bei anderen Religionen ist Kritik ja schon obsolet.
Vielleicht sollte Grigat einmal wissenschaftliche Standardliteratur von Juergensmeyer, Jones u.a. lesen, dann könnte er anfangen, grundsätzlich etwas zur Frage Gewalt und Religion zu sagen. Vielleicht wäre eine Realanalyse des politischen und sozialen Aspektes von Religion in der Gegenwart möglich. Aber darum geht es ja nicht und dürfte auch weit oberhalb des Niveaus des Verfassers liegen.
Eine durchaus intellektuell, respektable Tradition der Religionskritik wird zum fetischistischen Konstrukt, die höchst komplexe Aufklärungsbewegung wird zum bloßen Kampfbegriff einer identitären Selbstvergewisserung, die sich als kritisches Denken aufspielt. Man wäre geneigt, „Emanzipation, Aufklärung und Humanismus“ gegen solche Freunde zur Hilfe zu eilen.
Kritisches Denken fängt erst an, wenn solch okzidentalistischer Fantasien in der Geisterbahn gelandet sind und nur noch ein mildes Lächeln hervorrufen ob der Dinge, vor denen man sich manche Leute erschrecken.
Eine Abschlussfrage bleibt: Was hat „Die Presse“ gegen Herrn Grigat, dass sie solch ein Elaborat veröffentlicht?